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15.04.2012

le havre - aki kaurismäki




kaurismäki's filme sind unspektakulär, gewiss. le havre nimmt aber in kaurismäki's schaffen einen besonderen platz ein - nicht was das spektakel betrifft. in gewohntem rahmen reihen sich da bescheiden die kleinen dramen des lebens aneinander, wie die matten perlen an einer vergessenen halskette. mit jedem einzelnen charakter im film wird ein kleines stück verlebtes leben vorgetragen. das geschieht freilich ganz still und unprätentiös. in le havre aber lässt kaurismäki die protagonisten von licht und hoffnung einer hafenstadt durchdringen. schwermut und drama werden abermals aufgebrochen. die protagonisten schöpfen kraft, sich gegen das persönliche elend aufzulehnen. diese kraft ist es denn auch, was dem film ein glückliches ende verschafft. le havre ist ein rührendes plädoyer für den ausweg. dieser ist in anderen werken kaurismäki's kategorisch verschüttet und nicht gangbar.

die see, als metapher für die entfesselung der menschlichen seele, wird von der britischen beat band the renegades wunderschön besungen. kaurismäki lässt sie den anfang und das ende des films einläuten.

the renegades - matelot

05.03.2012

sentenz



"Wirklich ermüdend an The Turin Horse ist die Kombination aus einem Inhalt, der sich beharrlich weigert, etwas zu erzählen, und einer Aufmachung, die ständig Bedeutung suggeriert."



michael kienzl
filmkritik auf critic.de

14.01.2012

adrian younge - black dynamite / venice dawn

er schrieb einen blaxploitation-soundtrack zu einem film, den er selber editierte. dann veröffentlichte er eine ep, deren soul schwer war von psychedelik und fuzz. das alles ist lange her. bei weitem aber nicht so lang, wie man vermuten könnte.

die ep venice dawn ist heute dank des magazins wax poetics wieder verfügbar. nicht nur das - sie wird verschenkt! den song turn down the sound, in meinen ohren ein ganz besonderes schmuckstück, gibt's nur auf der vinyl edition der ep zu kaufen



adrian younge - shot me in the heart (black dynamite ost)









adrian younge - turn down the sound (venice dawn ep)

07.12.2011

sentenz







"weisst du, karin, der mensch ist schlimm. letztlich erträgt er alles, - alles. der mensch ist hart und brutal. und jeder ist ihm austauschbar, - jeder. das muss er lernen."



petra von kant zu karin thimm
in rainer werner fassbinder's die bitteren tränen der petra von kant







the walker brothers - in my room (portrait)

28.08.2011

kampf der programme




zu jener zeit, in welcher dieser wunderbare clip aus mike nichols' the graduate spielt, war nichts besser oder schöner. die heutige sichtweise lässt lediglich eine retrospektive beurteilung zu, deren emotionale färbung man gut im auge behalten sollte. sonst kann es unversehens passieren, dass der/die betrachtende dem einschlägigen romantisieren verfällt.

ich glaube aber, dass dieser clip stellvertretend steht für etwas, wo wir uns heute mit einer dramatischen sprachlosigkeit konfrontiert sehen. was diese bilder im einvernehmen mit dem song von simon & garfunkel transportieren, ist kaum in worte zu fassen. zumal der kontext zum film fehlt. und es fällt schwer, an dieser stelle von der desorientiertheit des protagonisten zu sprechen, wo doch seine eltern und sein ganzes umfeld diese stufe überwunden zu haben scheinen, nur um auf unredlicheren pfaden zu wandeln. wer the graduate gesehen hat, erinnert sich bestimmt an das lachen des vaters - vielleicht auch nur an seine ordinäre zahnstellung - ein lachen, das einen die fehlleitungen des establishments erraten lässt. perspektiven, meine damen und herren, alles perspektiven.

die einen sehen dustin hoffman dabei zu, wie er sich als verwöhntes kind der oberen mittelschicht in zielloser selbstgefälligkeit sonnt. andere fühlen mit dem jungen menschen, dessen vorgegebener weg von sturm und drang umgepflügt wird. so signifikant die unterschiede in der wahrnehmung auch sein mögen, nichts täuscht über die triftigkeit und das gewicht dieser magischen zeit im leben eines jungen menschen hinweg. das glitzern auf dem wasser, hoffman's luftmatratzendümpeln, die grillenden eltern am rand des pools, -ein gefühl der weglosigkeit, welches so bequem eingerichtet werden darf.


dustin hoffman & anne bancroft


für diesen zustand fehlen uns heute weitgehend die worte. in der multioptionsgesellschaft werden angebotslücken aufgespürt und geschlossen. hofmann war nicht zum sonnenbaden verdammt, weil es ihm an angeboten mangelte, soviel ist klar. nur haben wir heute so weit vorgesorgt, dass selbst nein-sager, pausierer und desorientierte mit angeboten überhäuft werden, und sich der bisweilen schmerzhafte prozess der selbstbestimmung verwandelt hat, in einen artifiziellen entscheidungskampf, in welchem sich kommerzielle programme gegeneinander positionieren.

jugend wird heute tausendfach dargestellt. zwanghaft, als herde und zielgruppe und immer in bezug auf ein gewisses programm. weder dem musikfernsehen noch den jugendberichten gelingt es, aussagen zur verfassung der jugend zu machen. und trotzdem ist es eine frage der zeit, dass die semantik des jugendbegriffs vollständig an die verwertungsmaschinerie verloren geht und wir ihre fragile beschaffenheit verlernen.

12.06.2011

11.03.2011

Kritik der reinen Ästhetik

Wir alle streben nach Erkenntnis. Gemäss Immanuel Kant gibt es zwei Ebenen, welche menschliches Erkennen ausmachen: die Grundlage der Sinneswahrnehmung zum Ersten, und den aktiven Prozess der transzendentalen Logik zum Zweiten. Ersteres passiert unbewusst, ist also rein anatomisch-primitiver Natur. Die Ursuppe wird erst im zweiten Schritt mit Gedanken angereichert, was dann - je nach Subjekt - mehr oder weniger aktiv gesteuert wird. Dieser Zweischritt zum Erkennen nennt Kant transzendetale Ästhetik.

Tom Ford kann man wohl als Mann der Ästhetik bezeichnen. Sowohl als Modedesigner, wie auch als Regisseur hat er sich einer Form der Perfektion verschrieben. Und streben nach Ästhetik bedeutet immer auch streben nach Perfektion.

Für den zuvor angestossenen Gedanken soll sein Regie-Debut A Single Man als Anschauungsmodell dienen. Wir wollen Mass daran nehmen, um gewissen Umständen auf den Grund zu gehen. Dem grossartigen Film sollen dabei keineswegs die anmutigen Schwingen gestutzt werden. Viel eher soll dieser bescheidene Kommentar dazu dienen, die einzelnen Federn daran zu ordnen, gut sichtbar und in ihrer vollen Form erkennbar zu machen.





A Single Man ist alles andere, als dumpf auf Ästhetik getrimmte Unterhaltung für die It-Generation. Die Schönheit im Film ist nicht sinnleer. Im Gegenteil. Sie wird hervorragend ergänzt mit gehaltvollen Dialogen und ebensolcher Schwermütigkeit. Diese Ästhetik gewinnt erst Vollendung, durch ihre ebenfalls schönen Anrainer. Sie wird umschwärmt und verehrt. In diesem rauschhaften Tanz inszeniert Ford sie als reine Tugend.

Es handelt sich dabei um nichts mehr, als um eine Empfindung des Intellekts. Es ist denkerische Ästhetik, die dem Schöngeist serviert wird. Bilder, Schnitt, Schauspiel, Dialog und Kleidung vermengen sich zu einem effizienten Ensemble der Zweckdienlichkeit. Alles dient unverfälschtem Gefallen. Als recht offensiv kann das erlebt werden, wenn das eigene Schönheitsempfinden unter diesen Dauerbeschuss von Appellen gerät.





Thomas Mann widmet dem Erfassen von Schönheit in Der Tod in Venedig folgenden Satz:
"Fast jedem Künstlernaturell ist ein üppiger und verräterischer Hang eingeboren, Schönheit schaffende Ungerechtigkeit anzuerkennen und aristokratischer Bevorzugung Teilnahme und Huldigung engegenzubringen."
Was ist also dieser Hang zur Schönheit schaffenden Ungerechtigkeit? Es geht dabei um Kontraste, welche der Hervorhebung von Schönheit dienlich sind. Schönheit kann immer nur im Kontrast zum weniger schönen bestehen. Und sie besteht gleichzeitig auf Kosten dessen, was in unserem Wahrnehmen gegen sie abfällt. Darin liegt die Ungerechtigkeit und Dichotomie der Schönheit verborgen.

Die Ästhetik in A Single Man wird aber deshalb als so überwältigend wahrgenommen, weil ihr Widerpart ausgeblendet bleibt. Und genau das ist hohe Schule. Der Schönheit selbst werden im Film Kränze gewunden, als gäbe es nichts anderes, nur Schönheit um der Schönheit willen. Alles Schattenhafte, alles Sklavenhafte, das der Schönheit sonst zudient, scheint nicht vorhanden zu sein. Selbst im Elend eines Todesfalls ist nicht weniger, als die Ansehnlichkeit der Trauer zu Hause.





A Single Man ist ein Fantasiegebilde, das krude Gegensätze zur Realität zeichnet. So sollten sich im Zuge des zweiten erkenntnistheoretischen Schrittes von Kant gewisse reflexartige Reaktionen einstellen, führen doch diese schönen Bilder kaltblütig die Herabwürdigung unserer Wirklichkeit im Schilde. Besser noch: die Momente purer Ästhetik existieren in Wahrheit mit aus diesem Grund. Ihr Hochleben verdanken sie unserer als nicht so schön empfundenen Realität.

Aber wenig passiert. Wir sind gerne dazu bereit, Momenten des ungetrübten Schönheitsempfindens Teile unserer Wirklichkeit zu opfern. Frägt niemand nach Herkunft und Beschaffenheit des Opfers, können diese Momente des Genusses weitreichende Folgen haben. Der Begriff der Ästhetik wird verzerrt und über unser Wirklichkeitserleben emporgehoben. Schönheit gehört aber in unseren Alltag, Schönheit darf schmutzig sein und auch mal ganz trivial. Sie soll nicht hinweggehoben werden, dorthin, wo keiner mehr ihr genügt.

A Single Man ist ein erstaunliches Kunstwerk, welches in seiner artifiziellen Anschauung von Ästhetik Bezug nimmt, auf unser Wirklichkeitserleben. Dieser Bezug muss hergestellt sein, um dem Kunstwerk seine Raison d'Être zu verschaffen.