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16.05.2012

co(te)lette





"no story-telling, no solution and no ending. co(te)lette's story is restless and.. empty."








mit der choreographie von ann van den broek wird den versäumnissen des  jüngeren (post)feminismus in erschütternder weise ausdruck gegeben. co(te)lette, aufgenommen von mike figgis, ist ebenso antifeministisch, wie antisexistisch. letzterem kann man entgegenhalten, dass doch der ästhetik des nackten frauenleibs bühne geboten wird. da die nacktheit selbst aber in einem mass instrumentalisiert wird, den blick auf den weiblichen körper blosszulegen, wird ihr die kausalität zur lüsternheit gekappt. die entblössten leiber sind grobschlächtige werkzeuge der demontage ihrer eigenen erscheinung.

was von jennifer edwards in der huffington post so treffend beschrieben wurde, soll hier nicht repetiert werden. co(te)lette hat als ausgangspunkt einer neuen diskussion um die paradigmen des frauenbilds definitiv eine grosse plattform verdient.

im unergründlichen ubuweb kann das komplette werk gestreamt werden. wer sich den film ansehen will wird wissen, dass es sich nicht um sechzig selige minuten handelt, die da auf einen warten.

09.04.2012

Angst und Zweck

Ausgabe vom 4. April 2012



"Wie wir in der Folge einer Angst handeln und wie wir die Situation einschätzen, hängt also massgeblich davon ab, welchem Wissensangebot wir uns anschliessen wollen." So lautet die bange Prognose des Erziehungswissenschaftlers Marcus Balzereit in seinem aufschlussreichen Aufsatz Kein Grund zur Panik? Wie mit dem Wissen über die Angst regiert wird (polar Zeitschrift #11).
Das klingt nach einer freien Entscheidung, im ersten Moment. Die Prognose spielt aber auch mit dem Kalkül, dass Angst verpackt in ein mediales Wissensangebot vermittelt werde und dass diese bei Konsumenten und Konsumentinnen einen Zweck erfülle. Denjenigen nämlich, ihr subjektives Handeln auf eine Norm hin ausgerichtet legitimieren zu können.

Die ganze Düsternis solcher Presse entpuppt sich, wenn die Unbestimmtheit subjektiver Ängste wiederum auf einen allgemeinen Begriff gebracht wird. Der dänische Philosoph Sören Kierkegaard erklärt diese Rückführung mit der Unmöglichkeit, sich die Begründung seiner Handlungen vollkommen unabhängig zu liefern. Wenn auch Normen und Gesetze stabile Orientierungsgrundlagen bilden, so vermögen sie nicht die sich ängstigende Person aus der Angst um das Nichtwissen herauszuführen, was richtig und was falsch sei. Diese letzte Sicherheit in der Handlungsauslegung könne sie nur von einem Gott empfangen.
Was hier Rettung von der Not des Lesenden verspricht, ist der systematische Versuch der Autoren, ein Verlangen nach rechtem Handeln zu formen. Von den Ängstigenden wird das Medium angerufen, sie in ein sicheres Verhältnis zu geleiten, wo Angst sie in ihrer allgemeinen Begrifflichkeit wieder eint.

"Wer also in Konkurrenz zu anderen Anbietern, erfolgreich zu lehren versteht, was genau 'die Angst' sei, der nimmt Einfluss auf das Handeln derer, die an sein Wissen glauben. Ohne, und das ist der praktische Witz, dass er dies von ihnen zuvor hätte verlangen müssen." (Balzereit, ebd.)

04.03.2012

Beck






Sensation der Musik

Von allen Musikern, die ich bewundere und die mich über lange Zeit hin begleiten, ist Beck Hansen der einzige, dessen Lebenswerk ich aus einer aktuellen Perspektive überblicken kann. Mit kindlichem Eifer folgte ich seinem Schaffen, seit er erstmals auf den grossen Bühnen erschienen ist.

Meinem musikalischen Enthusiasmus sind bis heute kaum Grenzen gesetzt. Mit der Zeit verlor ich den Glauben an ein bestimmtes Muster, welchem die eigene Aufmerksamkeit folgt. Attraktion und Gefallen haben sich als ebenso vielfältig herausgestellt, wie die begehrten Objekte dieser Launen. Es ist die Reifeprüfung des Musikverständnisses, wenn auf die Frage nach dem Musikgeschmack nur stummes Kiemenflattern folgt. Zu sagen wäre Vieles, soviel versteht sich. Die Antwort lässt sich aber im besten Fall bruchstückhaft und um wesentliche Anteile beschnitten übermitteln.

Marcel Proust erkannte den Geist der darstellenden Kunst als Wahrheit, die einer wirklicheren Welt angehört als jener, in der wir leben. Und er bezeichnete das Vergnügen, welches den Konsum begleitet, als „unerlässliche Form, in der ich diese Wahrheiten in mein Bewusstsein überführen konnte [..]“. Ein Moment der Transzendierung also, wo Musik in Geist übergeht. Ein guter Happen New Age für die einen – aber sicher auch mit ein Grund, weshalb auf die Frage nach musikalischen Vorlieben vielsagend geschwiegen wird.

Mein Gefallen an der Musik von Beck Hansen sehe ich in engem Zusammenhang mit dem Glück, den Künstler im Zeitverlauf beobachten zu können. Moden, Trends und die Dynamik, welcher seine Musik in diesem Spannungsfeld folgte – das sind Faktoren, woraus sich die anhaltende Attraktion geformt hat. Sie steht in einem Gegensatz zu anderen Künstlern, die ich verehre, deren grosse Werke aber weit älter datiert sind, als diejenigen von Beck.

Das Lebenswerk von Beck hat sich losgelöst von sonst gültigen Qualitätskriterien. Es ist ein heikles Unterfangen, für eine Sache einzustehen, welche man unter anderen Voraussetzungen anders einschätzen würde. Sich dabei selber auf die Schliche zu kommen, braucht Übung. Denn offensichtlich entwickelt man Strategien, die Vorliebe zu decken, wenn immer man sie in Frage gestellt sieht. Hier wird mit verschiedenen Ellen gemessen. Und wenn darüber Rechtfertigung eingefordert wird, kann das Reflexe provozieren, die nicht weniger entblössend wirken, als der berühmte Windstoss unter den Rock. Alle Übung kann einen nicht von diesem peinlichen Eingenommensein befreien. So bleibt an der Attraktion dieser Sorte immer etwas Kindliches lebendig, das sich mit grossen, glänzenden Augen bestaunen lässt.


Aufnahmen und Effekte


Die Faszination nahm mit Loser und dem Album Mellow Gold 1994 ihren Anfang. Ungezählte Stunden verbrachte ich als Vierzehnjähriger rücklings auf dem Boden liegend, in die roten Deckenlichter starrend. Müssiggang von einem aufreibenden Teenagerleben, was meinem Anspruch an eine wirklichere Welt vollends Genüge tat. In den zwei Jahren bis Odelay, dem nächstbesten Albumrelease von Beck, hatte sich keine Sekunde der 70 Minuten Spielzeit von Mellow Gold totgehört. Im Gegenteil: was sich zum soliden Fundament für die neue Wirklichkeit verfestigt hatte, verlangte nach neuen Baumaterialien. Dieser vermeintliche Eskapismus eines Halbwüchsigen war in Wirklichkeit keiner. Es gab nichts, was mich Mellow Gold oder Odelay hätten fliehen machen können. Die ganze Brühe fing mit dieser Musik erst an zu leben – es dauerte eine Weile, bis ich dem Prinzip der Wirklichkeitsanreicherung auf die Spur kam, was ich ebenfalls der unendlichen Gunst der Musik verdanke. Die Erklärung dafür folgt an späterer Stelle.

Es waren weitere zwei Jahre zu überbrücken, bis einer meiner Favoriten in Beck’s Katalog erscheinen sollte. Für mein Verständnis hatte sich alles bisher veröffentlichte von Beck bewährt, dass ich nun meine Rechercheinstinkte geweckt sah. Ich war bereit, den Abwegen dieser Musik zu folgen, was zur wohl deutlichsten Prägung in meinem Leben als Musikenthusiast werden sollte. Viele Inspirationsquellen von Beck haben sich mir seit dieser Zeit erschlossen, während sie gleichzeitig Beck’s Status als offener Kreativer weiter festigten.

In dieser Zeit machte ich meinen Frieden mit One Foot in the Grave, welches amerikanische Musiktradition durch einen Trailerpark defilieren lässt. Diese Musik begann in ihrer Bedeutung weit über ihre einzelnen Komponenten hinauszuwachsen. Es war von nun an nicht mehr Vorrecht des Klangs, einziger Mittelpunkt der Musik zu sein. Ein Schlüsselerlebnis initiiert von einem Album, das im Wesentlichen primitive Grundzüge aufweist.

Mit Mutations hat Beck eins seiner wichtigsten Alben geschaffen. Seine Versatilität und Stilsicherheit gewann ganz neue Horizonte. Inmitten dieser trägen Melancholie voller uferloser Melodien wächst ein Lied mit dem Namen Tropicalia. Eine Kühnheit, die zusammen mit der durchgängigen Psychedelik des Albums surreale Formen annahm und meine Wahrnehmung von Musik aufs Neue veränderte.

Kurz darauf folgte das verkannte Midnight Vultures, in dessen Folge sich mir die erste Möglichkeit bot, Beck auf der Bühne zu erleben. Mit einer gut viertelstündigen Version des Soul Crooners Debra erfüllte sich mir im Volkshaus einer der tiefst gehegten Wünsche jener Zeit. Das Album ist seither unverrückbar mit diesem Ereignis gekoppelt und weckt noch heute unnachgiebig die typischen, kleinen Sinneseindrücke jener Nacht. Erklingt der Song Peaches & Cream, meine ich bis heute die Bodenauskleidung des Armee VW Busses zu riechen, mit welchem wir zum Konzert unterwegs waren.

Sea Change wurde vorab Stück für Stück auf Beck’s Webpage veröffentlicht. Es blieb das Album von Beck, mit welchem ich die weiteste Strecke zurückgelegt habe. Es hörte sich keine Zweimal gleich an. Irgendwann begann ich mir eine Vorstellung von der Kraft zu machen, die den Hörenden wie mit Geisterhand bewegt, immer weg vom vergangenen Hörerlebnis. Und ich war gerührt davon. Damit Sea Change die Bedeutung zukommen konnte, die es verdiente, musste es im ersten Moment irritieren. Diese Verwandlung der Musik machte es mir von nun an schwer, absolute Aussagen zu treffen über sie. Sie nährte allgemein ein Misstrauen, gegenüber der gängigen Interpretation von Geschmack. Welche Bewandtnis sollte es damit haben, wenn diese Musik so dynamisch und unberechenbar an Orte vorstiess, die ich mit meinem Geschmack hermetisch abgeriegelt hatte?

Guero war Beck’s Ode an die Strassen Los Angeles‘. In seinen Songs schwang dieses sehr konkrete Stadtgefühl. Es färbte meine Erinnerung an die Stadt komplett neu ein. L.A. hatte sich mir auf meiner Reise durch die USA nicht richtig erschlossen. Songs wie Earthquake Weather eröffneten mir neuen Zugang. Das war ein tiefer Eindruck einer Stadt, die real so nicht existiert – eine angereicherte Wirklichkeit eben. Das Resultat aus Erinnerung plus Musik.

Die Vertragserfüllung, welche Beck mit den beiden kommenden Alben The Information und Modern Guilt erreicht haben würde, gab mir hinter allem Einfallsreichtum den Arbeiter zu erkennen.

Mit der DVD, welche zusätzlich zum Album The Information geliefert wurde, hielt die Freude Einzug in unser Haus am See. Als handelte es sich um den neuesten Blockbuster, sassen wir gespannt vor dem TV und verfolgten die simplen Clips. Unzählige Stunden vibrierten die Bässe das Sägemehl aus den Ritzen der alten Balken. Dieses Haus sah Jahrhunderte ins Land ziehen. Vermutlich hatte es sich nie so bewegen lassen, wie es mit dieser Musik der Fall war. Die ehrwürdigen Hausgeister waren von so viel lautstarker Heiterkeit angetan und versorgten das alte Stadthalterhaus einen Herbst lang mit einer grossartigen Energie.


Hüter der Sache

Beck’s Präsenz im Internet machte es leicht, auch zwischen seinen regulären Veröffentlichungen Projekte aufzuspüren, an welchen er sich in unterschiedlicher Weise beteiligte. Darunter Stücke für Hollywood Film-Produktionen oder solche, an welchen er als Produzent und Gastmusiker mitwirkte. Ganz deutlich aber trug seine Handschrift, was manche seine Homepage nennen. Diese hatte Beck mit unkonventionellen und ausgebufften Innovationen gefüllt. Mit seinem Record Club entwarf er ein zukunftsweisendes Konzept, das mit ad hoc Musikerverbänden eine neue Perspektive auf ein nichtkommerzielles Angebot eröffnete. Zum Ende seiner Geffen Records Karriere stellte sich Beck also wieder die Gretchenfrage. Das oft exponierte und dargestellte Spüren nach alternativen Absatzwegen und die Verwirklichungsfrage allgemein, liessen für mich immer die nötige Demut der Musik gegenüber erkennen. Andererseits reiht sich diese Orientierung ein in die Vielfalt der Verwertungskonzepte unserer Unterhaltungsindustrie. Dass er aber den Schritt Richtung proklamierter Subversion gegen die Mechanismen der Musikindustrie konsequent verweigerte, imponierte mir zusätzlich. In der Einsicht, dass alles Wirken am Ende der grossen Maschine zudiene, wähnte ich ihn als Bruder im Geist.

Der grossen Konstante Musik wurde mit Beck ein Hirte und Schutzpatron zur Seite gestellt. Über der fortwährenden Suche nach meiner Musik schwebt seine hütende Hand. An viele Orte dieser Reise bin ich nur durch ihn gelangt. 18 Jahre mit dieser Musik haben mir Wahrheiten eröffnet, die meine Welt wirklicher machen.


29.01.2012

Bouvard et Pécuchet von Gustave Flaubert - eine Geschichte zwischen Inspiration und Ignoranz

Bouvard's und Pécuchet's Wissensdurst steht die Aussage gegenüber, es handle sich bei ihrer Geschichte um eine Beschreibung der menschlichen Dummheit. Bouvard und Pécuchet versuchen sich nacheinander in ganz verschiedenen Disziplinen der Wissenschaften und Künste. Je grösser der Eifer der beiden zu Beginn ihrer Abenteuer ist, desto mehr empören sie sich über das Scheitern ihrer Projekte. Dabei machen sich Bouvard und Pécuchet niemals Eingeständnisse, was die Qualität ihrer eigenen Motive angeht. Ihr Interesse ist rein und der Anspruch an dessen Verwirklichung absolut. Ebenso launenhaft, wie ihr intellektueller Blindflug durch die Wissenschaften, beginnt das Gelernte sie umzutreiben. Unzulänglichkeiten und Widrigkeiten lassen sie vom Glauben an das rationale und geordnete Leben abfallen. Sie entwickeln sich in der Wahrnehmung Anderer zu Anarchisten, für die Werte und Pietät nur Fortschrittshindernisse bedeuten. Ihr angestrebter Erkenntnisgewinn unterliegt keinerlei Selektion. Der Hypothese, als auch deren Entkräftung sowie dem neuerlichen Entwurf messen sie uneingeschränkte Geltung bei. Sie vernachlässigen ihre Prämissen und Veranlagungen ebenso, wie die eigene Tauglichkeit und leben in einer Dimension, in der alles gilt, jedoch nichts wahrhaftig ist.

Ihr launenhafter Wissenserwerb wird rasch einem Attraktionstest unterzogen. Die Präsentationen werden als gesellschaftliche Ereignisse auf dem landwirtschaftlichen Gut der beiden inszeniert. Dabei benutzen sie schamlos ihr Umfeld, welches der Zeit entsprechend weniger aus Freundschaften, als aus standesgemässen Kontakten besteht. Für Unverständnis oder gar Widerspruch aus dem konsternierten Publikum bringen Bouvard und Pécuchet keinerlei Verständnis auf. Im Gegenteil, schnell fühlen sie sich missverstanden und reagieren ungehalten. Da ist es dann auch kein langer Weg, bis zu den ersten verbitterten Bemerkungen über die Ignoranz oder den mangelhaften Intellekt ihrer undankbaren Bekannten. Besonders das letzte Kapitel, in welchem Bouvard und Pécuchet zwei Zöglinge direkt an ihrem Wissensschatz teilhaben lassen wollen, zeugt vom tölpelhaften Unvermögen der beiden, Verständnis für Moral und Sitten als Grundlagen eines tugendhaften Lebens weiterzureichen. Derart zur Schau gestellt, wird ihrem Wissen kein Wert anerkannt. Nur den Präsentationen selbst bekunden einige Wenige einen skurrilen Unterhaltungswert. So werden sie selber zu Attraktionen. Im Dorf sind sie bekannt, wie bunte Hunde, über die das geringste Volk verächtlich den Kopf schüttelt.






Diese Ignoranz im Wissen-Wollen ist die eklatante Dummheit Bouvard's und Pécuchet's. Sie ist hart erkämpft und äussert sich mit nervöser Penetranz. Im Gegensatz zur heutigen Zeit, bedeutete es für sie grosse Anstrengungen, zu den Mitteln zu kommen, die ihren Wissensdurst stillten. Der Roman spielt Mitte des neunzehnten Jahrhunderts. Das Wissen stand damals nur einer erlesenen Gemeinschaft zur Verfügung. Die Auswahl ihrer Quellen erfolgte nach einem Wirksamkeitsprinzip: konnte der Inhalt einer Lehre vor den eigenen Erfahrungen oder vor Publikum nicht bestehen, so war sie in den Augen Bouvard's und Pécuchet's widerlegt und zu nichts nutze. Mit der Hartnäckigkeit von Betrogenen sind sie auf der Suche nach einer Wahrheit, die sie in ihrer Vorstellung nur immer wieder hinters Licht führt.

Insgesamt nahm die unvollendete Schrift Gustave Flaubert's eine Entwicklung vorweg, welche sich bis heute zuspitzt. Der Eifer, wissen zu wollen, begann mit der Verfügbarkeit von Wissen und Information zu wachsen. Die Geltungssucht der Informationen reizt unsere Wissbegier umso mehr. Ein Mahlstrom der Unstillbarkeit tut sich auf. Jeder kann alles in Erfahrung bringen, zu jeder Zeit. Ein vertieftes Verständnis für die Materie und deren Anbindung an ihre Umgebung - die wahrhaftige Komponente des Wissens - wird immer seltener erlangt. Die Demokratisierung des Wissens hat so eine Abwertung desselben zur Folge. Seine spektakuläre Inszenierung transformiert Inhalte zu Tupfern in einem Mosaik, dessen Einzelteile nicht zusammenpassen wollen.

Nach allen Misserfolgen haben sich Bouvard und Pécuchet darauf beschieden, wieder zu ihrem alten Beruf zurückzukehren, da "ihnen alles unter ihren Händen in Stücke zerbrochen ist". Wenn alle Stricke reissen, sind wir also doch einfach das, was wir sind und erst dann ist das auch genug wert. Ein Effekt, welcher der rasanten Differenzierung vieler Lebensbereiche folgt, lässt sich an dieser Schlusswendung in Flaubert's Roman ablesen.
In einer Gesellschaft, die vorgibt, jedem von uns eine Unzahl von Angeboten offenzuhalten, agiert man bald mit Resignation. Jede ungenutzte, dieser potenziellen Möglichkeiten, schlägt imaginäre Krater in die eigene Vita. Und auch hier ist viel Bouvard'scher und Pécuchet'scher Eifer zu entdecken. Es scheint, als müsste in dieser Welt voller Optionen der Mensch bis auf seinen Kern abgerieben werden, in einer Mühle zwischen Wissen und Wollen, um schlussendlich zu seinem Selbstwert zu finden. Nach dieser Odyssee bleibt eine Reduktion übrig, ein Fragment unserer selbst, das blendet mit seinem Schliff und Glanz. Weshalb aber hüten wir dieses Schmuckstück vor neugierigen Blicken und verdecken nach Möglichkeit seine unprätentiöse Schönheit? Weil sich darin alle unsere verlustreichen Kämpfe spiegeln, die wir auf dem Weg zu diesem bescheidenen Gewinn ausgefochten haben. Es steht stellvertretend für den Verlust aller Möglichkeiten. Bouvard und Pécuchet haben für ihre bescheidene Erkenntnis, dass ihr ursprünglicher Beruf doch gut genug für sie sei, mit dem Verlust von Träumen und Hoffnungen bezahlt.

Es ist schwierig, dem antiken, griechischen Orakelspruch Genüge zu tun, wonach es Ziel jedes Menschen sei, sich selbst zu erkennen. Heute wie ehemals. Die Vielfalt an Werkzeugen, die man uns heute zum Sichern und Erleichtern des Wegs reicht, ist überwältigend. Umso mehr Achtsamkeit ist geboten bei deren Auswahl.

17.01.2012

bastard post

zwei videos. 2011 vs. 2011. entscheidet selbst.



die antwoord - fok julle naaiers (tension)






all blacks haka






für einmal sind die clips nicht nach deren klanglichem gehalt ausgewählt worden. es geht um vegetative instinkte, die hier doch ganz glaubhaft dargestellt werden.

08.12.2011

kinski, der rezitator

dass klaus kinski, bevor er sich endgültig für die schauspielerei entschied, ein erfolgreicher rezitator war, ist nur wenig bekannt. wer also seine lieben zu weihnachten das schaudern lehren will, der besorgt als geschenk die box kinski spricht werke der weltliteratur. auf 20 cd's schmettert, plärrt, singt und kreischt der rabauke werke aus den federn von dostojewskij über goethe bis villon.




05.12.2011

free cabin porn (sfw)

abgeschiedenheit ist - im gegensatz zur einsamkeit - mit sich im reinen. abgeschiedenheit problematisiert nicht ihren gegenpart, während einsamkeit immer die gewollte oder ungewollte absenz der gesellschaft bedauert. fehlende teilhabe, wenn wir den gegenpart der abgeschiedenheit so nennen wollen, wird in der abgeschiedenheit nicht als verlust wahrgenommen. denn gerade die distanz zur teilhabe ist es, die im abgeschieden-sein oft gesucht wird.

in der federlande tut man sich schwer, mit dem mangel an möglichkeiten zur abgeschiedenheit. denn die räumliche distanz verändert die betrachtungsweise und relativiert betroffenheitsgefühle. vorausgesetzt, rückkehr und erneutes teilhaben sind nicht ausgeschlossen. die anziehung der abgeschiedenheit liegt nicht nur darin begründet, von etwas abgeschieden zu sein. nein, sie misst ihre schönheit an der teilhabe, wie man sie kannte und zurück erlangen wird.

dieser kleine exkurs dient ausschliesslich dem zweck, zach klein's blog cabin porn einzuführen. kleine orte in grosser umgebung. der blog versammelt fotos, die keinen zweifel daran lassen, dass abgeschiedenheit als sehnsuchtsort unseren projektionen unterliegt.






11.09.2011

a quick one

mavis staples - eyes on the prize (we'll never turn back)
how about remembering THIS?

05.09.2011

tell me a song



fatigue universelle




ein lied, das vor rund fünfzig jahren angestimmt wurde und dessen wahrheitsgehalt sich wohl - je älter es wird - desto mehr verdichtet:





bob dylan & the band - too much of nothing (the basement tapes)


Too much of nothing
Can make a man ill at ease
One man's temper might rise
While another man's temper might freeze
In the day of confession
We cannot mock a soul
Oh, when there's too much of nothing
No one has control.

Say hello to Valerie
Say hello to Vivian
Give them all my salary
On the waters of oblivion

When there's too much of nothing
It can cause a man to weep
He can walk the streets and boast like
Of what he'd like to keep
But it's all been done before
It's all been written in the book
And where there's too much of nothing
Nobody should look

Say hello to Valerie
Say hello to Vivian
Give them all my salary
On the waters of oblivion

And too much of nothing can make a man a liar
It can cause one man to sleep on nails
It can cause others to eat fire
Everybody's doin' somethin'
I heard it in a dream
But when there's too much of nothing
It just makes a fella mean

Say hello to Valerie
Say hello to Vivian
Give them all my salary
On the waters of oblivion

28.08.2011

kampf der programme




zu jener zeit, in welcher dieser wunderbare clip aus mike nichols' the graduate spielt, war nichts besser oder schöner. die heutige sichtweise lässt lediglich eine retrospektive beurteilung zu, deren emotionale färbung man gut im auge behalten sollte. sonst kann es unversehens passieren, dass der/die betrachtende dem einschlägigen romantisieren verfällt.

ich glaube aber, dass dieser clip stellvertretend steht für etwas, wo wir uns heute mit einer dramatischen sprachlosigkeit konfrontiert sehen. was diese bilder im einvernehmen mit dem song von simon & garfunkel transportieren, ist kaum in worte zu fassen. zumal der kontext zum film fehlt. und es fällt schwer, an dieser stelle von der desorientiertheit des protagonisten zu sprechen, wo doch seine eltern und sein ganzes umfeld diese stufe überwunden zu haben scheinen, nur um auf unredlicheren pfaden zu wandeln. wer the graduate gesehen hat, erinnert sich bestimmt an das lachen des vaters - vielleicht auch nur an seine ordinäre zahnstellung - ein lachen, das einen die fehlleitungen des establishments erraten lässt. perspektiven, meine damen und herren, alles perspektiven.

die einen sehen dustin hoffman dabei zu, wie er sich als verwöhntes kind der oberen mittelschicht in zielloser selbstgefälligkeit sonnt. andere fühlen mit dem jungen menschen, dessen vorgegebener weg von sturm und drang umgepflügt wird. so signifikant die unterschiede in der wahrnehmung auch sein mögen, nichts täuscht über die triftigkeit und das gewicht dieser magischen zeit im leben eines jungen menschen hinweg. das glitzern auf dem wasser, hoffman's luftmatratzendümpeln, die grillenden eltern am rand des pools, -ein gefühl der weglosigkeit, welches so bequem eingerichtet werden darf.


dustin hoffman & anne bancroft


für diesen zustand fehlen uns heute weitgehend die worte. in der multioptionsgesellschaft werden angebotslücken aufgespürt und geschlossen. hofmann war nicht zum sonnenbaden verdammt, weil es ihm an angeboten mangelte, soviel ist klar. nur haben wir heute so weit vorgesorgt, dass selbst nein-sager, pausierer und desorientierte mit angeboten überhäuft werden, und sich der bisweilen schmerzhafte prozess der selbstbestimmung verwandelt hat, in einen artifiziellen entscheidungskampf, in welchem sich kommerzielle programme gegeneinander positionieren.

jugend wird heute tausendfach dargestellt. zwanghaft, als herde und zielgruppe und immer in bezug auf ein gewisses programm. weder dem musikfernsehen noch den jugendberichten gelingt es, aussagen zur verfassung der jugend zu machen. und trotzdem ist es eine frage der zeit, dass die semantik des jugendbegriffs vollständig an die verwertungsmaschinerie verloren geht und wir ihre fragile beschaffenheit verlernen.

14.08.2011

materialismus und ignoranz - ein britischer musiker analysiert die sozialen unruhen

wer ignoriert, dass die vorgänge in grossbritannien ein hässliches kind unserer konsumzentrierten lebensweise sind, und ihnen die soziale komponente abspricht, missachtet eine realität, die dringend unserer ungeteilten aufmerksamkeit bedürfte. das gemeinschaftliche ideal des materiellen wohlstands als sozialökonomisches konzept muss überdenkt und korrigiert werden. junge menschen müssen - unabhängig von milieu, hautfarbe etc. - im rahmen ihrer schulbildung, mechanismen unseres wirtschaftssystems hinterfragen und relativieren lernen.

zu einem teil bedeutet dies die kapitulation vor den prozessen einer verwertungsgesellschaft, die in der realität vieler menschen unantastbar - und damit unhinterfragbar sind. je mehr medien über diese diffuse materie berichten, sei es in form des nächsten drohenden crashs oder in form von abzocker-stories, desto gewisser wird deren unbeeinflussbarkeit. wir alle wissen, welche gestalt reaktionen auf ohnmachtsgefühle bisweilen annhemen können. die affekthandlung der "bedrohten" lässt ganze strassenzüge in flammen aufgehen.





bibio



der britische musiker und produzent stephen wilkinson alias bibio analysierte unlängst die gewalteskalation auf seinem blog. er steht unter vertrag bei warp records, deren gesamter musikkatalog beim brand des sony/pias-gebäudes in london zerstört wurde. über 150 kleine record labels sind vom unglück betroffen, das in der nacht auf den 9. august von einem plündernden mob verursacht wurde.

bibio spart nicht mit anschuldigungen an die mentale verfassung der unterschicht-kids, 'chavs' genannt. ihr unbändiger herdentrieb nach luxusgütern stellt er als ursache der unruhen dar und befeuert damit das klischee des asozialen minderbemittelten, welches er aber im selben post wieder relativiert. gleichzeitig pocht er auf die reparatur von gemeinschaftsgefühlen mittels erziehung und bildung. seine perspektive auf die ereignisse ist allemal lesenswert.


lord of the flies dressed by adidas

27.07.2011

a sad one

dass das raten am entsetzen
niemals überhand gewinnt


manfred hübler und siegfried schwab - countdown to nowhere

14.07.2011

sentenz




der ausdruck "neusprech" (newspeak) hat in der orwell'schen terminologie einen festen platz. er bezeichnet den prozess der begriffsverengung. sie kann durch autoritäten bewirkt werden und ist ein schleichender begleiter unserer heutigen informationsgesellschaft. denn diesen effekt - neusprech - verfolgen nicht nur geübte rhetoriker als zielvorgabe mit ihren eindringlichen reden. viel subtiler und weitaus unbewusster sind wir heute damit konfrontiert. die gezeigte illustration rückt den begriff in einen schaurigen kontext. bringt man das zitat orwell's in verbindung, mit der personalisierung des internets, wie sie freund/feind google oder eben auch facebook praktizieren, drängen sich einige wichtige fragen auf.

wenn nicht..

(via)

25.06.2011

harry clarke

"Siehst du den schwarzen Hund durch Saat und Stoppel streifen?
[..]
Bemerkst du, wie in weitem Schneckenkreise
Er um uns her und immer näher jagt?
Und irr ich nicht, so zieht ein Feuerstrudel
Auf seinen Pfaden hintendrein."
aus goethe's faust I

der eigentliche beginn der tragödie. dem strudel ist nicht zu entkommen. von hier an geht's nurmehr abwärts. maelstrom und schneckenkreis würden auch die aufschreckenden und fliehenden verschlingen. nur gibt es deren keine. es gibt auch keine resignierte. welche, die sich unabänderlichem schicksal ausgeliefert sehen und alles wider oder für einstellen. es gibt nur solche, die sich mit entsprechender körperbewegung im gewinde in den abgrund arbeiten. da herrscht ein infernalischer eifer, tiefer einzutauchen.



harry clarke - illustrationen für faust (1925)


harry clarke - illustrationen für faust (1925)


harry clarke - illustrationen für faust (1925)



weshalb clarke's illustrationen den geist der geschichten so treffen, lässt sich wohl nicht abschliessend erklären. es muss sich bei der sache um die eigentümliche lust am verderben handeln. die lust an misere und auswegslosigkeit, welche die tuschezeichnungen clarke's märchenhaft und romantisch einfangen.

der von seinem schicksal gezeichnete fischer in edgar allen poe's a decent into the maelström berichtete von der lust am eigenen verderben mit den folgenden worten:
"Ich fühlte tatsächlich den Wunsch, seine [des maelströms] Tiefen zu ergründen, obgleich ich mich selbst dabei opfern musste, und mein hauptsächlicher Kummer war der, dass ich meinen alten Gefährten an Land niemals von den Wundern berichten sollte, die ich erschauen würde. Das waren gewiss sonderbare Betrachtungen für einen Mann in meiner Lage, und ich habe schon manchmal gedacht, dass die Drehungen des Bootes im Strudel mir ein wenig den Kopf verrückt hatten."


harry clarke - illustrationen für e. a. poe's meistererzählungen


harry clarke - illustrationen für e. a. poe's meistererzählungen


harry clarke - illustrationen für e. a. poe's meistererzählungen

24.05.2011

superstar: the karen carpenter story

ein dramatisches schicksal mit barbie puppen nachstellen: darf man das? karen carpenter litt an anorexie - und zeitlebens an ihren eigenen erfolgen. zusammen mit ihrem bruder richard carpenter war sie eins der grossen pop-phänomene in den staaten der 70er. karen sang und spielte schlagzeug.

todd haynes hat ihre geschichte 1987 unter dem namen superstar: the karen carpenter story verfilmt. die darsteller sind sinnigerweise barbie puppen. da im film musik der carpenters verwendet wurde und richard die rechte daran nicht zur verfügung gestellt hatte, fand er nie wirklich an die öffentlichkeit.

karen capenter ist 1983 gerade 32jährig an herzversagen gestorben.



17.05.2011

the burning house

nur was fortzutragen ist.
the burning house.
ein interessantes projekt von foster huntington aus new york.

was uns wohl an der vorstellung fasziniert,
unsere sachen loszuwerden?



nicht dem feuer überlassen: hannah queen's lieblingssachen


 .

26.04.2011

sentenz


"people living close to nature tend to be noble. it's seeing all those sunsets that does it. you can't watch a sunset and then go off and set fire to your neighbour's tepee."


zivilisationskritiker und schriftsteller

11.04.2011

Das instrumentalisierte Buch

Weshalb kann es in Zeiten des Umbruchs lohnenswert sein, ein romantisches Buch zu lesen? Dieser Frage wird hier in aller Kürze nachgegangen. Ziel dieser Abhandlung ist es, eine Rechtfertigung zu finden, Die empathische Zivilisation (Campus Verlag, 2010) von Jeremy Rifkin zu lesen.


Jermey Rifkin

Herr Rifkin ist Soziologe. Er berät Regierungen, unterhält einen eigenen Think Tank und schreibt Bestseller. Seine Reputation in der Fachwelt ist unbestritten. Und trotzdem brachte ihm sein siebzehntes Buch, "Die empathische Zivilisation - Wege zu einem globalen Bewusstsein" mit vollem Namen, nur Kritik und Verriss ein. Der wissenschaftliche Gehalt wurde bemängelt. Die Herleitungen für seine Thesen seien bestenfalls abenteuerlich und würden in ihrer Darstellung nur zum Umschreiben diffuser Gefühle taugen.






Es ist ein Buch über Empathie. Die viel gelobte Fähigkeit der Menschen, für und miteinander zu fühlen. Von den umstrittenen Spiegelneuronen ist die Rede und vom grundlegend Guten im Menschen. Nirgendwo ist ein Erklärungsansatz zu finden, wie es dem Menschen immer wieder so einwandfrei gelingt, all das Gute in sich zu unterdrücken. Rifkin zeichnet eine schillernde Zukunft, in welcher wir Verantwortung für einander übernehmen. Diese Prognose stützt er auf ziemlich beliebig gesammelte, historische Erkenntnisse.

Aber das Buch kann mit einem einfachen Fokus-Entscheid ganz vergnüglich gelesen werden. Man kann sich berauschen lassen, von soviel Optimismus. Und das Erstaunliche dabei ist, dass wenn der Entscheid gefällt ist, das fast widerstandslos gelingt. Tiefenschärfe wäre dem Optimismus abträglich und so schaltet man alles Sträuben aus und überlässt sich ganz der dumpfen Naivität.
Nichts von dem, was Rifkin schreibt, ist unehrlich oder unwahr. Er ist wie ein bunter Schmetterling, der von Honigblüte zu Honigblüte fliegt und sich niemals auf genverändertem Mais oder auf Ölpalmen einer Palmplantage niederlässt. Wer will den Honigblüten Wahrhaftigkeit und Geltungsrecht absprechen, nur weil da noch Genmais und Ölpalme sind?

Vermutlich hätte das Buch auch Timothy Leary schreiben können. Auch bei ihm gilt: wer seine Bücher in letzter Konsequenz in die Ecke der Esoteriker und Verblendeten stellt, tut ihm Unrecht. Denn es sind perspektivenabhängige Gegenentwürfe für diese von pausenlosen Schreckensnachrichten geplagte Welt. Auch wenn sie den Status der Wissenschaftlichkeit verfehlen, so können sie trotzdem Gutes bewirken, indem über Gutes berichtet wird. In aller Wahrheit und dem fernen Wissen und Gewissen, dass die dunkle Seite tagtäglich genug Beachtung erhalte.

15.03.2011

songs for the new industrial state

sigmar polke - mu nieltnam netorruprup /(approx. no taoc nosmirc), 1975



krankgelesen, an allerlei wahrheiten
wundgehört, nicht glimpflicher.


(dieses gespann GAU-verursachender audiovision ergab sich rein zufällig auf der späten heimreise von der arbeit.)