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09.04.2012

Angst und Zweck

Ausgabe vom 4. April 2012



"Wie wir in der Folge einer Angst handeln und wie wir die Situation einschätzen, hängt also massgeblich davon ab, welchem Wissensangebot wir uns anschliessen wollen." So lautet die bange Prognose des Erziehungswissenschaftlers Marcus Balzereit in seinem aufschlussreichen Aufsatz Kein Grund zur Panik? Wie mit dem Wissen über die Angst regiert wird (polar Zeitschrift #11).
Das klingt nach einer freien Entscheidung, im ersten Moment. Die Prognose spielt aber auch mit dem Kalkül, dass Angst verpackt in ein mediales Wissensangebot vermittelt werde und dass diese bei Konsumenten und Konsumentinnen einen Zweck erfülle. Denjenigen nämlich, ihr subjektives Handeln auf eine Norm hin ausgerichtet legitimieren zu können.

Die ganze Düsternis solcher Presse entpuppt sich, wenn die Unbestimmtheit subjektiver Ängste wiederum auf einen allgemeinen Begriff gebracht wird. Der dänische Philosoph Sören Kierkegaard erklärt diese Rückführung mit der Unmöglichkeit, sich die Begründung seiner Handlungen vollkommen unabhängig zu liefern. Wenn auch Normen und Gesetze stabile Orientierungsgrundlagen bilden, so vermögen sie nicht die sich ängstigende Person aus der Angst um das Nichtwissen herauszuführen, was richtig und was falsch sei. Diese letzte Sicherheit in der Handlungsauslegung könne sie nur von einem Gott empfangen.
Was hier Rettung von der Not des Lesenden verspricht, ist der systematische Versuch der Autoren, ein Verlangen nach rechtem Handeln zu formen. Von den Ängstigenden wird das Medium angerufen, sie in ein sicheres Verhältnis zu geleiten, wo Angst sie in ihrer allgemeinen Begrifflichkeit wieder eint.

"Wer also in Konkurrenz zu anderen Anbietern, erfolgreich zu lehren versteht, was genau 'die Angst' sei, der nimmt Einfluss auf das Handeln derer, die an sein Wissen glauben. Ohne, und das ist der praktische Witz, dass er dies von ihnen zuvor hätte verlangen müssen." (Balzereit, ebd.)

02.04.2012

sentenz




"Hüte deine Träume; die der Weisen sind nicht so schön wie die der Narren!"




charles baudelaire
les fleurs du mal

04.03.2012

Beck






Sensation der Musik

Von allen Musikern, die ich bewundere und die mich über lange Zeit hin begleiten, ist Beck Hansen der einzige, dessen Lebenswerk ich aus einer aktuellen Perspektive überblicken kann. Mit kindlichem Eifer folgte ich seinem Schaffen, seit er erstmals auf den grossen Bühnen erschienen ist.

Meinem musikalischen Enthusiasmus sind bis heute kaum Grenzen gesetzt. Mit der Zeit verlor ich den Glauben an ein bestimmtes Muster, welchem die eigene Aufmerksamkeit folgt. Attraktion und Gefallen haben sich als ebenso vielfältig herausgestellt, wie die begehrten Objekte dieser Launen. Es ist die Reifeprüfung des Musikverständnisses, wenn auf die Frage nach dem Musikgeschmack nur stummes Kiemenflattern folgt. Zu sagen wäre Vieles, soviel versteht sich. Die Antwort lässt sich aber im besten Fall bruchstückhaft und um wesentliche Anteile beschnitten übermitteln.

Marcel Proust erkannte den Geist der darstellenden Kunst als Wahrheit, die einer wirklicheren Welt angehört als jener, in der wir leben. Und er bezeichnete das Vergnügen, welches den Konsum begleitet, als „unerlässliche Form, in der ich diese Wahrheiten in mein Bewusstsein überführen konnte [..]“. Ein Moment der Transzendierung also, wo Musik in Geist übergeht. Ein guter Happen New Age für die einen – aber sicher auch mit ein Grund, weshalb auf die Frage nach musikalischen Vorlieben vielsagend geschwiegen wird.

Mein Gefallen an der Musik von Beck Hansen sehe ich in engem Zusammenhang mit dem Glück, den Künstler im Zeitverlauf beobachten zu können. Moden, Trends und die Dynamik, welcher seine Musik in diesem Spannungsfeld folgte – das sind Faktoren, woraus sich die anhaltende Attraktion geformt hat. Sie steht in einem Gegensatz zu anderen Künstlern, die ich verehre, deren grosse Werke aber weit älter datiert sind, als diejenigen von Beck.

Das Lebenswerk von Beck hat sich losgelöst von sonst gültigen Qualitätskriterien. Es ist ein heikles Unterfangen, für eine Sache einzustehen, welche man unter anderen Voraussetzungen anders einschätzen würde. Sich dabei selber auf die Schliche zu kommen, braucht Übung. Denn offensichtlich entwickelt man Strategien, die Vorliebe zu decken, wenn immer man sie in Frage gestellt sieht. Hier wird mit verschiedenen Ellen gemessen. Und wenn darüber Rechtfertigung eingefordert wird, kann das Reflexe provozieren, die nicht weniger entblössend wirken, als der berühmte Windstoss unter den Rock. Alle Übung kann einen nicht von diesem peinlichen Eingenommensein befreien. So bleibt an der Attraktion dieser Sorte immer etwas Kindliches lebendig, das sich mit grossen, glänzenden Augen bestaunen lässt.


Aufnahmen und Effekte


Die Faszination nahm mit Loser und dem Album Mellow Gold 1994 ihren Anfang. Ungezählte Stunden verbrachte ich als Vierzehnjähriger rücklings auf dem Boden liegend, in die roten Deckenlichter starrend. Müssiggang von einem aufreibenden Teenagerleben, was meinem Anspruch an eine wirklichere Welt vollends Genüge tat. In den zwei Jahren bis Odelay, dem nächstbesten Albumrelease von Beck, hatte sich keine Sekunde der 70 Minuten Spielzeit von Mellow Gold totgehört. Im Gegenteil: was sich zum soliden Fundament für die neue Wirklichkeit verfestigt hatte, verlangte nach neuen Baumaterialien. Dieser vermeintliche Eskapismus eines Halbwüchsigen war in Wirklichkeit keiner. Es gab nichts, was mich Mellow Gold oder Odelay hätten fliehen machen können. Die ganze Brühe fing mit dieser Musik erst an zu leben – es dauerte eine Weile, bis ich dem Prinzip der Wirklichkeitsanreicherung auf die Spur kam, was ich ebenfalls der unendlichen Gunst der Musik verdanke. Die Erklärung dafür folgt an späterer Stelle.

Es waren weitere zwei Jahre zu überbrücken, bis einer meiner Favoriten in Beck’s Katalog erscheinen sollte. Für mein Verständnis hatte sich alles bisher veröffentlichte von Beck bewährt, dass ich nun meine Rechercheinstinkte geweckt sah. Ich war bereit, den Abwegen dieser Musik zu folgen, was zur wohl deutlichsten Prägung in meinem Leben als Musikenthusiast werden sollte. Viele Inspirationsquellen von Beck haben sich mir seit dieser Zeit erschlossen, während sie gleichzeitig Beck’s Status als offener Kreativer weiter festigten.

In dieser Zeit machte ich meinen Frieden mit One Foot in the Grave, welches amerikanische Musiktradition durch einen Trailerpark defilieren lässt. Diese Musik begann in ihrer Bedeutung weit über ihre einzelnen Komponenten hinauszuwachsen. Es war von nun an nicht mehr Vorrecht des Klangs, einziger Mittelpunkt der Musik zu sein. Ein Schlüsselerlebnis initiiert von einem Album, das im Wesentlichen primitive Grundzüge aufweist.

Mit Mutations hat Beck eins seiner wichtigsten Alben geschaffen. Seine Versatilität und Stilsicherheit gewann ganz neue Horizonte. Inmitten dieser trägen Melancholie voller uferloser Melodien wächst ein Lied mit dem Namen Tropicalia. Eine Kühnheit, die zusammen mit der durchgängigen Psychedelik des Albums surreale Formen annahm und meine Wahrnehmung von Musik aufs Neue veränderte.

Kurz darauf folgte das verkannte Midnight Vultures, in dessen Folge sich mir die erste Möglichkeit bot, Beck auf der Bühne zu erleben. Mit einer gut viertelstündigen Version des Soul Crooners Debra erfüllte sich mir im Volkshaus einer der tiefst gehegten Wünsche jener Zeit. Das Album ist seither unverrückbar mit diesem Ereignis gekoppelt und weckt noch heute unnachgiebig die typischen, kleinen Sinneseindrücke jener Nacht. Erklingt der Song Peaches & Cream, meine ich bis heute die Bodenauskleidung des Armee VW Busses zu riechen, mit welchem wir zum Konzert unterwegs waren.

Sea Change wurde vorab Stück für Stück auf Beck’s Webpage veröffentlicht. Es blieb das Album von Beck, mit welchem ich die weiteste Strecke zurückgelegt habe. Es hörte sich keine Zweimal gleich an. Irgendwann begann ich mir eine Vorstellung von der Kraft zu machen, die den Hörenden wie mit Geisterhand bewegt, immer weg vom vergangenen Hörerlebnis. Und ich war gerührt davon. Damit Sea Change die Bedeutung zukommen konnte, die es verdiente, musste es im ersten Moment irritieren. Diese Verwandlung der Musik machte es mir von nun an schwer, absolute Aussagen zu treffen über sie. Sie nährte allgemein ein Misstrauen, gegenüber der gängigen Interpretation von Geschmack. Welche Bewandtnis sollte es damit haben, wenn diese Musik so dynamisch und unberechenbar an Orte vorstiess, die ich mit meinem Geschmack hermetisch abgeriegelt hatte?

Guero war Beck’s Ode an die Strassen Los Angeles‘. In seinen Songs schwang dieses sehr konkrete Stadtgefühl. Es färbte meine Erinnerung an die Stadt komplett neu ein. L.A. hatte sich mir auf meiner Reise durch die USA nicht richtig erschlossen. Songs wie Earthquake Weather eröffneten mir neuen Zugang. Das war ein tiefer Eindruck einer Stadt, die real so nicht existiert – eine angereicherte Wirklichkeit eben. Das Resultat aus Erinnerung plus Musik.

Die Vertragserfüllung, welche Beck mit den beiden kommenden Alben The Information und Modern Guilt erreicht haben würde, gab mir hinter allem Einfallsreichtum den Arbeiter zu erkennen.

Mit der DVD, welche zusätzlich zum Album The Information geliefert wurde, hielt die Freude Einzug in unser Haus am See. Als handelte es sich um den neuesten Blockbuster, sassen wir gespannt vor dem TV und verfolgten die simplen Clips. Unzählige Stunden vibrierten die Bässe das Sägemehl aus den Ritzen der alten Balken. Dieses Haus sah Jahrhunderte ins Land ziehen. Vermutlich hatte es sich nie so bewegen lassen, wie es mit dieser Musik der Fall war. Die ehrwürdigen Hausgeister waren von so viel lautstarker Heiterkeit angetan und versorgten das alte Stadthalterhaus einen Herbst lang mit einer grossartigen Energie.


Hüter der Sache

Beck’s Präsenz im Internet machte es leicht, auch zwischen seinen regulären Veröffentlichungen Projekte aufzuspüren, an welchen er sich in unterschiedlicher Weise beteiligte. Darunter Stücke für Hollywood Film-Produktionen oder solche, an welchen er als Produzent und Gastmusiker mitwirkte. Ganz deutlich aber trug seine Handschrift, was manche seine Homepage nennen. Diese hatte Beck mit unkonventionellen und ausgebufften Innovationen gefüllt. Mit seinem Record Club entwarf er ein zukunftsweisendes Konzept, das mit ad hoc Musikerverbänden eine neue Perspektive auf ein nichtkommerzielles Angebot eröffnete. Zum Ende seiner Geffen Records Karriere stellte sich Beck also wieder die Gretchenfrage. Das oft exponierte und dargestellte Spüren nach alternativen Absatzwegen und die Verwirklichungsfrage allgemein, liessen für mich immer die nötige Demut der Musik gegenüber erkennen. Andererseits reiht sich diese Orientierung ein in die Vielfalt der Verwertungskonzepte unserer Unterhaltungsindustrie. Dass er aber den Schritt Richtung proklamierter Subversion gegen die Mechanismen der Musikindustrie konsequent verweigerte, imponierte mir zusätzlich. In der Einsicht, dass alles Wirken am Ende der grossen Maschine zudiene, wähnte ich ihn als Bruder im Geist.

Der grossen Konstante Musik wurde mit Beck ein Hirte und Schutzpatron zur Seite gestellt. Über der fortwährenden Suche nach meiner Musik schwebt seine hütende Hand. An viele Orte dieser Reise bin ich nur durch ihn gelangt. 18 Jahre mit dieser Musik haben mir Wahrheiten eröffnet, die meine Welt wirklicher machen.


21.11.2011

die unfreiheit, zu protestieren

sophie hunger berichtet im rahmen ihrer us-tour "vom leben und sterben amerikas". amerika im fokus der bewegten frau hunger - eine vergnügliche lektüre. mit der gebotenen distanz der forschungsreisenden ergeben sich interessante makroaufnahmen amerikanischer eigenart. die aufzeichnungen leben von den eigentümlichen und bisweilen schrulligen ansichten ihrer interpretin. hunger verteidigt die partikularität ihrer eindrücke und vermeidet so den kopfschüttelreflex, welcher viele heimsucht, sobald das wort auf die eine oder andere angewohnheit der amerikaner fällt.
ihr schreibstil ist aber ein eigentliches menetekel. vielmehr als der gegenstand ihrer worte, öffnet der nämlich einen raum zwischen den zeilen und ja - nach jedem punkt. hier entfalten die angereicherten eindrücke ihre sinneskraft und wirken - ganz ohne empörung einzuflössen. die verheissungsvolle kraft folgt aufs lesen. und das ist bemerkenswert heutzutage, wo worte uns fristlos rühren sollen, wie donnerschläge und meinungen als universelle erkenntnis gebrandmarkt werden.

in folge sechs - "amerika entstand aus der revolte" - beschreibt sie den protest, der sich kürzlich rund um den globus ereignete und trifft damit den kern der sache:


"Manchmal habe ich das Gefühl, als wäre der Marsch, die Straße, das Plakat, die Menge, der Arafatschal, die Trillerpfeife, die Polizei, das Megafon, die Route, der Sprechgesang und selbst der Körper nichts als Teil eines anderen, großen Mythos. Spielen wir Demonstration, so wie wir es kennen von den Bildern aus unserer Vergangenheit? Wurden diese Gesten, Grimassen und Requisiten nicht entwickelt an einem Feind, um den es hier gar nicht geht? Wir fordern nicht den Kopf des Königs, des Despoten oder Polizeistaates. Wir opponieren gegen das Resultat unserer vermeintlichen Errungenschaften. Wie zersägt man den Ast, auf dem man sitzt? Wie entkolonialisiert man Afrika? Und wie, liebe ZEIT-ONLINE-Leser, wie dekonstruiert man Geld?"


der protest, eine totgeburt? unser sättigungsgefühl hat sich mit dem widerstandsverständnis von damals ins bett gelegt. die frucht dieser verbindung ist ausgestattet mit einer erbanlage, die nicht dazu taugt, zu verrichten, was so dringend nötig gewesen wäre. nämlich zündender funke zu sein.


dem unfrieden, welcher uns heute die galle hochtreibt, fehlt ein neuer name.

wir haben es uns verdient, so zu liegen, wie wir uns gebettet haben. ganz im gegensatz zu yoko und john. sie legten sich in das biedere bett ihrer zeit, legten sich eben da hinein. wohl wissend, dass es das bett  ihrer eltern und grosseltern war, in welchem sie die kameras dieser welt als fremdkörper und anpranger aufzeichneten.
unsere betten hingegen sind gemacht - und zwar von uns selbst. aller aufgebrachte ernst in der eigenen entscheidung, heutige zustände nicht zu billigen und dies mit plakat und buntstift zu proklamieren, verkommt damit zu kümmerlicher inszenierung. denn in wirklichkeit wurde diese unbill längst annektiert. der widerstand ist heute eine gut frequentierte einbahnstrasse im verkehrszentrum unserer multioptionsgesellschaft. sie zu fliehen heisst einfach, woanders mitzumachen.

kürzlich kam die frage auf, weshalb sich gelehrte und schriftsteller unserer zeit nicht bemüssigt fühlen, die krisen und proteste mit ihren klarheit schaffenden blicken zu bedenken. vermutlich tun sie nur gut daran und halten sich schadlos. denn die vernünftigen werden bemerkt haben, dass in diesem fall die mittel den zweck entheiligen.

16.11.2011

sentenz

 
"Nichts ist mir so unähnlich wie ich selbst, so dass es sinnlos wäre, mich anders als durch meine Mannigfaltigkeit definieren zu wollen."


jean-jacques rousseau

08.11.2011

sentenz

   
"Zauberhaft ist es nämlich, einfach dran vorbeizugehen, wenn die Menge ihre lauten Festivals der Hässlichkeit feiert."


max goldt
vom zauber des seitlich dran vorbeigehens




daran erinnert wurde ich heute früh, während in der bahn von sieben jungen menschen, welche ich in zwei viererabteilen zu überblicken vermochte, sieben junge menschen an ihrer energiedose nippten. "allesamt zu früh abgestillt!" schnaubte ich, denn ..



"Die Verachtung ist eine saubere und wertvolle Alternative zum Hass und zum Ekel."


max goldt
vom zauber des seitlich dran vorbeigehens

21.09.2011

sentenz

 

"Wer schweigt, kann immer noch reden. Wer dagegen geredet hat, kann darüber nicht mehr schweigen."


niklas luhmann

17.09.2011

soul tops

was einen letzten endes an neuer musik zu begeistern vermag, lässt sich kaum mit worten erklären. was aber nicht begeistert, tritt oft ganz schnell an die oberfläche. es sind kleinigkeiten, die sich in ihrer betrachtung isolieren lassen. während aber das, was begeisterungsstürme auslöst, sich nur im ganzen zeigt. da kann es sich um eine passage handeln, begleitet von instrumenten oder effekten, die man beim zuvor gehörten interpreten noch verschrien und sie als argument dafür angeführt hat, diesen eben darum nicht zu mögen. doch im nun gehörten kontext fügen sie sich ganz andersartig ein und entziehen sich so der vorherigen betrachtungsweise. mit einem kleinen, aber unschätzbar teuren trick werden so horizonte auf wundersame weise ausgedehnt. und man könnte meinen, es erschliesst sich darin dem aufmerksamen zuhörer die gesamte transzendentale entwicklung menschlicher wesenseigenschaft.

die federlande bewegte sich in den letzten monaten auf dunklen pfaden des musikgenusses. es sind dies die wenig freudvollen zeiten, welche von überfluss und uneingeschränkter verfügbarkeit gezeichnet sind. irrend und zunehmend taub kämpft man sich immer tiefer hinein, in eine gefährliche sumpflandschaft, verzweifelt auf der suche nach der strahlenden perle, die den weg zurück zum quell reinen genusses weisen möge. wer gewohnt ist, danach ausschau zu halten und das martyrium dieser suche zu erdulden, wird abermals von der musik errettet werden. und mitunter aus diesem grund, ist dem zitat von paul klee uneingeschränkter wahrheitsanspruch zu gewähren.

drei perlen, die wie beatrice in dante's göttlicher komödie, mit ihrer heilsverkündung den irrenden führten, sollen an dieser stelle folgen.


robin hannibal - sneak preview (bonus track) (bobby ep)




thundercat - walkin (the golden age of apocalypse)




electric guest - under the gun (radical miracle)

05.09.2011

tell me a song



fatigue universelle




ein lied, das vor rund fünfzig jahren angestimmt wurde und dessen wahrheitsgehalt sich wohl - je älter es wird - desto mehr verdichtet:





bob dylan & the band - too much of nothing (the basement tapes)


Too much of nothing
Can make a man ill at ease
One man's temper might rise
While another man's temper might freeze
In the day of confession
We cannot mock a soul
Oh, when there's too much of nothing
No one has control.

Say hello to Valerie
Say hello to Vivian
Give them all my salary
On the waters of oblivion

When there's too much of nothing
It can cause a man to weep
He can walk the streets and boast like
Of what he'd like to keep
But it's all been done before
It's all been written in the book
And where there's too much of nothing
Nobody should look

Say hello to Valerie
Say hello to Vivian
Give them all my salary
On the waters of oblivion

And too much of nothing can make a man a liar
It can cause one man to sleep on nails
It can cause others to eat fire
Everybody's doin' somethin'
I heard it in a dream
But when there's too much of nothing
It just makes a fella mean

Say hello to Valerie
Say hello to Vivian
Give them all my salary
On the waters of oblivion

25.06.2011

harry clarke

"Siehst du den schwarzen Hund durch Saat und Stoppel streifen?
[..]
Bemerkst du, wie in weitem Schneckenkreise
Er um uns her und immer näher jagt?
Und irr ich nicht, so zieht ein Feuerstrudel
Auf seinen Pfaden hintendrein."
aus goethe's faust I

der eigentliche beginn der tragödie. dem strudel ist nicht zu entkommen. von hier an geht's nurmehr abwärts. maelstrom und schneckenkreis würden auch die aufschreckenden und fliehenden verschlingen. nur gibt es deren keine. es gibt auch keine resignierte. welche, die sich unabänderlichem schicksal ausgeliefert sehen und alles wider oder für einstellen. es gibt nur solche, die sich mit entsprechender körperbewegung im gewinde in den abgrund arbeiten. da herrscht ein infernalischer eifer, tiefer einzutauchen.



harry clarke - illustrationen für faust (1925)


harry clarke - illustrationen für faust (1925)


harry clarke - illustrationen für faust (1925)



weshalb clarke's illustrationen den geist der geschichten so treffen, lässt sich wohl nicht abschliessend erklären. es muss sich bei der sache um die eigentümliche lust am verderben handeln. die lust an misere und auswegslosigkeit, welche die tuschezeichnungen clarke's märchenhaft und romantisch einfangen.

der von seinem schicksal gezeichnete fischer in edgar allen poe's a decent into the maelström berichtete von der lust am eigenen verderben mit den folgenden worten:
"Ich fühlte tatsächlich den Wunsch, seine [des maelströms] Tiefen zu ergründen, obgleich ich mich selbst dabei opfern musste, und mein hauptsächlicher Kummer war der, dass ich meinen alten Gefährten an Land niemals von den Wundern berichten sollte, die ich erschauen würde. Das waren gewiss sonderbare Betrachtungen für einen Mann in meiner Lage, und ich habe schon manchmal gedacht, dass die Drehungen des Bootes im Strudel mir ein wenig den Kopf verrückt hatten."


harry clarke - illustrationen für e. a. poe's meistererzählungen


harry clarke - illustrationen für e. a. poe's meistererzählungen


harry clarke - illustrationen für e. a. poe's meistererzählungen

03.06.2011

tell me a song

es gibt songs, die rühren an einen sogenannten soft spot. anfangs klingen die lau und medioker. sie plätschern aus den lautsprechern und verbreiten hintergründig langeweile. ihre überlänge besitzen sie, um die langeweile als konzept zu beweisen. sie fluten den raum mit teilnahmslosigkeit.
es kann sein, dass man ins stricken vertieft dasitzt und die musik nur die stille übertönt. mit einem mal dringt da ein saxophonsolo ans ohr, mit sanftem hall versetzt. oder eine gitarre, die einzelnen töne ausgehalten, bis der gefühlskrampf selbst charles bronson die tränen in die augen drückt. dabei sticht man sich vielleicht unversehens die stricknadel unter den fingernagel. vielleicht bleibt das aber schlicht eine schmerzhafte vorstellung.
jedenfalls möchte man sich dieser situation nicht weiter ausgeliefert sehen und fühlt sich veranlasst, den sender zu wechseln oder den track zu skippen. da aber die fernbedienung weit weg liegt und der faule kater sich im schoss festkrallt, lehnt man sich schnaubend in den sessel zurück und lässt geschehen, was sich nicht verhindern lässt.
es sind dies momente des ausgeliefertseins - bis dann das eigentlich merkwürdige geschieht. der blick schweift in die ferne und man kann plötzlich das ohr nicht mehr lassen, von der frivolen schwüle, die da aus den boxen quillt. das anfängliche missfallen steigert sich auf eine ungewöhnliche ebene des behagens. es ist nicht die befriedigung einer vorliebe, die uns sonst so rasch betört. die nun empfundene wonne scheint von woanders zu kommen. gerade weil dieses behagen aus eigentlichem missfallen hervorgegangen ist, hat es die kraft, zu überwältigen. diese erfahrung ist wieder und wieder acht minuten wert.



bob welch - fleetwood mac

fleetwood mac - future games (future games)

30.05.2011

sentenz




         
"In jedem Kleide werd’ ich wohl die Pein
Des engen Erdelebens fühlen.
Ich bin zu alt, um nur zu spielen,
Zu jung, um ohne Wunsch zu sein.
Was kann die Welt mir wohl gewähren?
Entbehren sollst du! Sollst entbehren!
Das ist der ewige Gesang,
Der jedem an die Ohren klingt,
Den, unser ganzes Leben lang,
Uns heiser jede Stunde singt.
Nur mit Entsetzen wach’ ich morgens auf,
Ich möchte bittre Tränen weinen,
Den Tag zu sehn, der mir in seinem Lauf
Nicht einen Wunsch erfüllen wird, nicht einen,
Der selbst die Ahnung jeder Lust
Mit eigensinnigem Krittel mindert,
Die Schöpfung meiner regen Brust
Mit tausend Lebensfratzen hindert.
Auch muss ich, wenn die Nacht sich niedersenkt,
Mich ängstlich auf das Lager strecken;
Auch da wird keine Rast geschenkt,
Mich werden wilde Träume schrecken.
Der Gott, der mir im Busen wohnt,
Kann tief mein Innerstes erregen,
Der über allen meinen Kräften thront,
Er kann nach außen nichts bewegen;
Und so ist mir das Dasein eine Last,
Der Tod erwünscht, das Leben mir verhasst."


johann wolfgang goethe
faust




so klagt faust mephistopheles sein leid im ersten teil der tragödie. diesen versen will man alle bedeutung absprechen und ihnen mit hohn und spott begegnen, so wehleidig und unversöhnlich klingen sie. es ist ungünstig, die schwächen des lebens vor dem teufel auszubreiten. das trägt nicht eben zur deeskalation der situation bei. manchmal behält man da besser alles bei sich. landläufig ist diese verfahrensweise dann als tapferkeit bekannt und überaus geschätzt. man stellt damit sicher, dass niemand falsches von der eigenen misere wind bekommt. es könnte nämlich leicht gegen einen verwendet werden. und der teufel ist jemand falsches. dem teufel lacht man allenfalls ins gesicht und besteht darauf, dass einem nichts fehle. tapferkeit scheint mir gerade vor dem teufel die no. 1 tugend zu sein. man signalisiert damit, dass es nichts zu holen gebe, bei einem selbst. daran sollte jedem gelegen sein, der seine zukunft fernab von dreizack, schwefelheissem gestein und klauenfüssigem ungetier plant.

09.05.2011

sentenz

   
"Wer, wie entbrannt er ist, zu sagen weiss,
der brennt auf kleiner Flamme, brennt nicht heiss."


michel de montaigne
politiker, humanist






que sais-je?

05.05.2011

sentenz

 
"Gerechtigkeit war selbstverständlich eine leere Worthülse der Bürgerrhetorik, und um zum Handeln zu kommen, müsse man vor allen Dingen wissen, welche Gerechtigkeit man meine: diejenige, die jedem das Seine, oder diejenige, die allen das Gleiche geben wolle."


thomas mann
der zauberberg

09.02.2011

Paul Simon

Von mir und Paul Simon

Der Weg zu einer vertieften Beziehung zwischen Mensch und Musik.

Die Konzentration auf Wesentliches ist eine Schlüsselkompetenz zum erfolgreichen, performanceorientierten Leben in den Nuller-Jahren. Aufgrund der Werte, welche uns leiten, folgen wir auf verschiedenen Wegen dem Wesentlichen. Aber wir genügen uns selten, auf diesen Wegen. Ein Wink, ein Tipp, eine Interpretation – und wir drehen uns nach dem Wind. Manchmal bereichert uns das und manchmal verlieren wir uns dabei selbst, meist aber beides zugleich. Und trotzdem bleibt uns so vieles verborgen. Gerade weil wir eine Betrachtung gefasst haben. Gerade weil wir meinen, das Wesentliche an der Sache entdeckt zu haben. Zweitbetrachtungen und Perspektivenwechsel können wir uns nicht leisten. Wir schaffen uns nicht die Möglichkeit, etwas Bekanntes neu kennen zu lernen. Wir gestatten es uns nicht, da das Verlassen der erstrittenen Position als Schwäche ausgelegt wird.

Ich kannte Paul Simon schon lange. Ergänzt mit Art Garfunkel ergab sich diese eine Stimme. Die Stimme von Simon and Garfunkel. Und jetzt fühlte es sich als unheimliche Gotthandlung an, diese mystische Einheit zu trennen. Ich brauchte lange, mich vom Eindruck Simon and Garfunkel’s zu lösen. Was ich vor hatte, war hohe Schule. Betrachtung zu verändern – Paul Simon durfte nicht auf dem Fundament von Simon and Garfunkel wachsen. Er sollte sein eigenes Monument werden.

Ich setzte mich gezielt mit drei Alben im Repertoire Simon’s auseinander. Es waren die Alben, von welchen ich hier und da gelesen hatte. Alle drei gehören zum frühen Solo-Schaffen des Künstlers und wurden zwischen 1972 und 1975 veröffentlicht. In Sachen Wesentlichkeit hatte ich mir bereits einen klaren Fokus zurechtgelegt. Ich war zwar mit Alben wie Graceland gross geworden. Kindheitserinnerungen stellten aber in der beabsichtigten Betrachtung eine Störung dar und konnten womöglich den selbst gesteuerten Zugang beeinträchtigen. Konkret handelte es sich bei den auserwählten Alben um Paul Simon (1972), There Goes Rhymin’ Simon (1973) und Still Crazy After All These Years (1975).




Wie nah Paul Simon immer wieder dem Gospel kam, faszinierte mich. Nicht der Fakt, dass es sich dabei um einen bedeutenden Einfluss seiner Musik handelt, sondern wie er sich ihm näherte und den Kontext, welchen er damit immer wieder veränderte. Das zeugte von einer Ehrfurcht gebietenden Weite der musikalischen Möglichkeiten, über welche Simon verfügte. Der Gospel war nicht einfach eine Facette. Alle Färbungen, welche diese traditionelle Musik aufwies, schien Simon zu kennen. Er komprimierte sie und liess daraus seine eingene Neigung, seine eigene Interpretation dieser tiefgründigen Leidenschaft wachsen. Der Gospel wächst auf diesem Nährboden als junge und kräftige Pflanze in seine Musik hinein. Er ist hier nicht mehr Einfluss, sondern zur Gänze etwas, das Paul Simon entwachsen ist.
Ich würde There Goes Rhymin’ Simon als dasjenige der drei Alben bezeichenen, welches am vordergründigsten vom Gospel getragen ist. Bei Take me to the Mardi Gras schlägt er einem erstmals entgegen. In Form der fantastischen Falsetto Stimme Reverend Claude Jeter’s. Die Wärme der Stimme wird von einem sanften Tremolo über genau eine Strophe transportiert. Dann gibt der Reverend den Lead wieder an Simon ab. Diese knappe halbe Minute war einer der erleuchtendsten Momente, welcher Musik für mich zu bieten hatte.




Run that Body down auf Paul Simon repräsentiert für mich eine andere wichtige Komponente seines Werks. Hier kommt die immense Songwriting-Qualität Simon’s zum Ausdruck. Sein Geschick für die Melodie geht in der Instrumentierung des Songs auf. Kein Wunder, hatte ich immer das Gefühl, ein Paul Simon Song könne niemals anders klingen. Ich glaubte zu wissen, dass diese Musik unbedingt und ganz genau so sein müsse. Perfekte Organisation war mir fremd bis dahin. Run that Body down ist perfekt organisiert. Und ich sah mich veranlasst, eine vollkommen neue Massregelung von Güte zu akzeptieren. Simon’s Musik ist seither für mich unwiederbringlich zum Equivalent von wohl geordneter Ästhetik geworden.




Still Crazy After All These Years enthält die bestausgestatteten Songs. Nie überladen – aber es ist festzustellen, dass Simon sich hier mit markanten Rhythmen, schneidigen Bläsern und dezenter Orchestrierung beschäftigt hatte. My little Town zeigt diesen Hang zur kalkulierten Opulenz gut auf. Der Song wächst, schöpft nicht gleich aus dem Vollen. Die Hälfte ist verstrichen, bis die Bläser einsetzen und alles wird noch immer grösser und wuchtiger. Vermutlich ist es aber genau die Rhythmik, welche diesem Überschwang die Spitze nimmt. Sie durchzieht die Momente der Fülle mit einer luftigen Leichtigkeit. Die Balance ist hergestellt. Alles bleibt wohl geordnet.

Simon’s Musik verströmt eine gewisse Stabilität. Es ist nichts Ausschweifendes oder Unausgeglichenes dabei. Das sind nicht im geringsten diejenigen Attribute, für welche ich Musik im Allgemeinen schätze. Im Gegenteil. Aber sie waren wegbereitende, für die vertiefte Beziehung, welche mich mit diesen drei Alben verbindet. Und obwohl ich selber nicht frei war, in der Auswahl dieses Ausschnitts, so rechtfertigt sich der Fokus durch diese Beziehung. Ich lief während meinem Unterfangen immer wieder Gefahr, zu vergleichen. Denn natürlich gibt es bei Paul Simon’s Solo-Werk auffällige Parallelen zum gemeinsamen Schaffen mit Art Garfunkel. Aber es ist mir gelungen, diese Vergleichbarkeit nicht zur Eigenschaft Simon’s Musik werden zu lassen. Und ich glaube, das ist die Essenz dieser ganzen Geschichte.

Mit diesen Gedanken erkläre ich den Weg zur Musik meines Lebens – zu drei der wichtigsten Alben für mich. Man kann sich nie gewiss genug sein, wie man sich gewiss wird. Ich konnte mir die Wesentlichkeit Paul Simon’s neu erschaffen. Ich weiss nicht, ob sich dadurch meine Position in der Wahrnehmung von performanceorientierten Nuller-Menschen verbessert. Es ist aber für mich definitv ein Schritt vorwärts, in meinem persönlichen Umgang mit Musik. Denn Geschmack – Musikgeschmack im Besonderen – ist in jeder Hinsicht formbar. Nicht von der Industrie, wenn man darauf besteht. Sondern von einem selbst. Man sollte sich in dieser Hinsicht mehr zutrauen.



(©ns - Text erschienen am 11. Juli 2009 auf exitmusic.ch)

19.01.2011

forecast

poly-pop? man gibt sich alle mühe, das urmenschliche in die begrifflichkeit des modernen konsumguts musik zu implementieren. meist artet diese mühe zum clownesken zirkuskunststück aus. wenn sich die dunklen definitionsmächte aufmachen, sogenannte trends zu benennen, überschlagen sie sich kapriolenhaft - und das angetane konsumentenpublikum applaudiert zufrieden.

dabei wäre alles einfacher, wenn eine denkumkehr stattfinden würde. wir erfinden nichts neues, dieser tage. alles kommt woher. der mensch sieht sich aber mehrheitlich abgestossen, von seiner eigenen vergangenheit und geschichte. dieser tatsache liegen hauptsächlich marktgesteuerte kriterien zu grunde. geschichte verkauft sich sehr schlecht. es scheint, als hätten sich erinnerung und konsum als bipolare orakel etabliert. ihr wahrsagen ist unvereinbar.

eine aktuelle strömung der elektronischen musik orientiert sich stark an primitiven, folkloristischen elementen. das wort tribe fällt oft in rezensionen dieser musik. es geht dabei um musikrituale, die bereits von unseren primitiven vorfahren zelebriert wurden. solche rituale basierten ursprünglich auf rhythmen. am anfang war der rhythmus. später fanden gesänge dazu, bis schliesslich folkloristische strömungen entstanden, welche sich in charakteristischen instrumenten und melodien zeigten. soweit so trivial.

diese urmenschlichen elemente sollen nun verwendung in unserer zeitgenössischen popmusik finden, sprich: sie sollen als marketingwirksames verkaufsargument funktionieren. daraus konstruiert sich ein trend. wir konstruieren trends und kaufen geschichte. wir begeben uns in eine kurzfristige begriffs- oder namensohnmacht, wo doch etwas entstand, als weder worte noch sprache existierten. witzig irgendwie, nicht?

wenn also von poly-pop die rede ist, wird in erster linie auf polyrhythmik bezug genommen. ethno-elemente. tribe. die unfassbaren gang gang dance sind gerne angeführte aushängeschilder dieser strömung. die ausschlaggeber für diese wortreiche konsumkritik waren aber rainbow arabia. die erwartung, welche die federlande an das kommende debut des ehepaares aus dem westlichen amerika hat, ist quasi aus den vergangenen jahrtausenden erwachsen. am 28. februar dürfte das sagenhafte label kompakt ernst machen und uns mit diesem geschichtsträchtigen erstling den glauben an unsere trendy vergangenheit zurückbringen.



boys and diamonds (bandcamp - albumstream funktioniert noch nicht)






RAINBOW ARABIA - WITHOUT YOU by rainbowarabia

10.01.2011

Selten klar

Joachim hatte vor kurzem erstmals seinen Tod geträumt. Er erlebte das jetzt öfters. Diese seltenen Momente vollkommener Klarheit. Selten, weil sie üblicherweise nicht in überschaubarer Häufung zu Tage traten. Er konnte sich ehrlich gesagt gar nicht an vorher erinnern. Wie das war, als er dieses Ereignis vielleicht ein- oder zweimal zutiefst verwundert bemerkt hatte, ihm aber keine weitere Beachtung geschenkt hatte. Da war es auch nicht um seinen Tod gegangen. Vorher war ihm jetzt egal. Denn jetzt hatten die Ereignisse seine Beachtung gewonnen, - mehr noch, sie hatten sie aufs Gröbste erzwungen. Unangenehm war es ihm nicht. Obwohl er sich irgendwie entwillt vorkam.

Dicht am Nacken den Duschkopf, den harten Strahl genau dorthin gerichtet, wo die Wirbelsäule in den Kopf ragt, - so kam er zu sich. Das Wasser in der kleinen Duschkabine stand ihm über die Knöchel und drohte beim nächsten Tropfen überzulaufen. Er stand sehr gerade aufgerichtet  und schaute mit halbgeschlossenen Augen oberhalb der Duschvorhangstange in die nahe Badezimmerlampe. Wobei sich das Licht in organischer Fliessbewegung zu ihm hinzubewegen schien. Es sprang von Dampfpartikel zu Dampfpartikel, welche in diesem Moment in beachtenswerter Dichte standen. Und so tropfte es von den Fliessen. Es tropfte von seinen Wimpern über seine Lippen und er wollte es eigentlich einsaugen, wie Kleinkinder das gelegentlich bei Weinkrämpfen mit Tränen tun, wenn sie ihnen dick auf die Oberlippe rollen. Er konnte nicht. Er war sich nicht sicher, ob er tatsächlich da war.

Joachim war hochgewachsen. Er passte in diese Wohnung, als hätte er zur Zeit ihrer Entstehung den Maurergesellen in jedem einzelnen Raum Modell gestanden. Als hätten sie die Wände und Decken nach seinem Körpermass geschaffen. Aber das war dann auch schon das Ende seiner bescheidenen Allmachtsphantasien. Er erlaubte sich wenig in dieser Hinsicht und wusste genau um seine Durchschnittlichkeit. Nicht dass er sich klein machte deswegen. Alles war solide an ihm. Aber die Vorstellung, dass jemand um seinen Körper herum ein Haus bauen lassen könnte, gefiel ihm und er schmückte sie deswegen oft aus.

Keine Ahnung, wie lange er bereits da stand. Alles Vorher war trüb. Er erinnerte sich, früher von der Arbeit gegangen zu sein. Auf dem Nachhauseweg plagte ihn der Hunger, da er wie so oft kein Geld mehr abheben konnte und aus diesem Grund auf Zwischenmahlzeiten verzichten musste. Vielleicht hatte er gegessen und war dann unter die Dusche gestiegen, um sich rechtzeitig für den Blockbuster vor dem Fernseher einfinden zu können. Alles, was er in diesem Moment wusste war, dass seine beiden Lungenflügel so randvoll mit Luft waren, dass er in der Folge gefühlte Minuten ausatmete. Er hatte sich noch nie in seinem ganzen Leben so voll Luft und Licht und Liebe gefühlt, wie jetzt. Durchdrungen von diesem Ereignis, nachdem er bereits wieder einatmen musste und vor Vermeidung und Herauszögern beinahe in Ohnmacht gefallen war, schaffte er es, den Hahn zuzudrehen.

Kurzum, er war ihm begegnet. Er musste es gewesen sein. Im Innersten erschüttert schob er den Duschvorhang zur Seite und setzte seine Füsse treffsicher auf die rote Fussmatte, die er auf dem Boden vor der Kabine platziert hatte. Was konnte man schon dazu sagen? Solche Dinge waren weit ausserhalb irgendeiner Begrifflichkeit. Joachim suchte nicht nach Worten. So blieben diese Ereignisse, die – wie man meinen könnte – von grossem Interesse waren, für ihn Fussnoten eines festgeschriebenen Lebens. Ein Leben, das sich die Blösse gerne mit einem weichgespülten Frotteetuch verhüllt und nackten Fusses, noch benetzt von dem Wasser, das vorhin Licht und Liebe vorgab zu sein, vor die Eingangstür tritt, den Arm nach dem halbleeren Bierkasten streckt und sich gemütlich vor dem Fernseher zum längst vergangenen Blockbuster einfindet.


©ns

29.11.2010

nicht nur eine komödie

die federlande ist auch ein ort der meta-politik. dabei geht es um eine einschätzung der art und weise, wie politik gemacht wird. inhalte spielen eine untergeordnete rolle. vielmehr zählt, wie die entsprechenden inhalte kundgetan und vertreten werden. genau dieses parkett ist zu einem üblen geworden - voller fallgruben und stolperfallen, aufgestellt und errichtet um die jeweiligen gegner zu schädigen.
wer oder was schafft es, unsere lange gerühmte kompromissfähigkeit zu verunglimpfen? weshalb wird die gangart immer härter und die positionen immer unnachgiebiger? was bringt die politisierende mehrheit dazu, um sogenannte wahrheiten zu diskutieren, deren statik kein haarbreit platz für einwände lässt?

die schweiz ist gegenwärtig auf dem besten weg, den diskurs abzuschaffen. zu gunsten einer politlandschaft, die von marktschreiern und blendern geprägt ist. mit dieser entwicklung einher geht die fortschreitende radikalisierung. es ist zeit, diese dynamik offenzulegen. es ist zeit, darüber nachzudenken, welche blockaden durch die unverrückbarkeit von meinungen, aber auch durch unverständnis und kopfschütteln ausgelöst werden. lasst uns darüber nachdenken, was das wörtchen diskurs für uns zu bedeuten hat.

die possen, wie sie sich die pol-parteien im abstimmungsvorfeld geleistet haben, müssen einem neuen ton weichen. falls sie nicht zur besinnung kommen, ist das ein unmissverständlicher auftrag an die parteien der mitte.

peer teuwsen's guter artikel lacht sie endlich aus! auf zeit online.

going nowhere, pt. II

der gestrige alarmismus war begründet. auch wenn sich heute die sicht auf die dinge verändert hat. herr federer - übrigens bald erster offizieller ehrenbürger und repräsentant der federlande - hat die welt vor schlimmerem bewahrt. dafür bedanken wir uns höflich. er alleine wird es jedoch nicht schaffen, andere krumme geschichten grade zu biegen.

es ist wie beim fuchs, der eines morgens beim erfrischenden bad vom packeis überrascht wurde: man sollte sich hüten davor, die kräfte, welche gegen die gute sache wirken, zu unterschätzen. der fuchs in seiner misslichen lage wird dem eis kein paroli mehr bieten.





es liegt also an uns, weiter für die gute sache einzustehen, das zu tun, wovon wir überzeugt sind. beharrlich - aber mit einem entschiedenen verständnis für den widerpart.

nach dem apokalyptischen let's burn down the cornfield von randy newman, heute halbwegs post-apokalyptische stimmungsmache von bob dylan. you ain't going nowhere.

27.09.2010

look who's watching








Wie genau die Tatsache der bald lückenlosen Überwachung des öffentlichen Raumes, mit der Gestalt eines Vogels in Zusammenhang zu bringen ist, -darüber soll gerätselt werden. panoptICONS ist das Studienprojekt der beiden Holländer Thomas voor ‘t Hekke und Bas van Oerle. Im Stadtzentrum von Utrecht lassen sie Plätze, Metro-Treppen und Gebäudeeingänge von indiskreten Wesen zwischen Kamera und Vogel in Beschlag nehmen. Das hat die dramatische Erkenntnis zur Folge, dass wir uns mit alltäglicher Kontrolle grösstenteils abgefunden haben.




Auf Vögel im urbanen Raum wird ähnlich gleichgültig reagiert, wie's mittlerweile bei den Kameras üblich sein dürfte. Der merkwürdige Hybrid Vogel/Kamera lässt sich mit diesem Vergleich erklären. Vereint man die Vergleichsobjekte, ergibt sich eine sonderbare Gestalt, welcher ein hohes Mass an Aufmerksamkeit gewiss ist. Dieses plötzliche Interesse kann als Diskrepanz zum persönlichen Empfinden gegenüber der öffentlichen Überwachung gedeutet werden und führt über den anschliessenden Gewissenskonflikt zur vertieften Auseinandersetzung mit der eigenen Perspektive. Ein ziemlich angestrengter Versuch, die Schöpfer in ihren Gedankengängen nachzuvollziehen.




Eine eingenommene (Nicht-)Betrachtungsperspektive wird hinterfragt, indem einer gewohnten Situation ein befremdendes Element beigefügt wird. Soviel muss klar sein. Diese Form der effektorientierten Kunst wird in der Federlande als Entwicklungsmotor sehr geschätzt.