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09.04.2012

Angst und Zweck

Ausgabe vom 4. April 2012



"Wie wir in der Folge einer Angst handeln und wie wir die Situation einschätzen, hängt also massgeblich davon ab, welchem Wissensangebot wir uns anschliessen wollen." So lautet die bange Prognose des Erziehungswissenschaftlers Marcus Balzereit in seinem aufschlussreichen Aufsatz Kein Grund zur Panik? Wie mit dem Wissen über die Angst regiert wird (polar Zeitschrift #11).
Das klingt nach einer freien Entscheidung, im ersten Moment. Die Prognose spielt aber auch mit dem Kalkül, dass Angst verpackt in ein mediales Wissensangebot vermittelt werde und dass diese bei Konsumenten und Konsumentinnen einen Zweck erfülle. Denjenigen nämlich, ihr subjektives Handeln auf eine Norm hin ausgerichtet legitimieren zu können.

Die ganze Düsternis solcher Presse entpuppt sich, wenn die Unbestimmtheit subjektiver Ängste wiederum auf einen allgemeinen Begriff gebracht wird. Der dänische Philosoph Sören Kierkegaard erklärt diese Rückführung mit der Unmöglichkeit, sich die Begründung seiner Handlungen vollkommen unabhängig zu liefern. Wenn auch Normen und Gesetze stabile Orientierungsgrundlagen bilden, so vermögen sie nicht die sich ängstigende Person aus der Angst um das Nichtwissen herauszuführen, was richtig und was falsch sei. Diese letzte Sicherheit in der Handlungsauslegung könne sie nur von einem Gott empfangen.
Was hier Rettung von der Not des Lesenden verspricht, ist der systematische Versuch der Autoren, ein Verlangen nach rechtem Handeln zu formen. Von den Ängstigenden wird das Medium angerufen, sie in ein sicheres Verhältnis zu geleiten, wo Angst sie in ihrer allgemeinen Begrifflichkeit wieder eint.

"Wer also in Konkurrenz zu anderen Anbietern, erfolgreich zu lehren versteht, was genau 'die Angst' sei, der nimmt Einfluss auf das Handeln derer, die an sein Wissen glauben. Ohne, und das ist der praktische Witz, dass er dies von ihnen zuvor hätte verlangen müssen." (Balzereit, ebd.)

24.03.2012

sentenz

(bisschen mehr beat, bitte!)



ginsberg & kerouac



"[1. Ich sah die besten Köpfe meiner Generation vom Wahnsinn zerstört, verhungernd hysterisch nackt,] 53. die ihre Armbanduhren vom Dach warfen, um ihre Stimme abzugeben für eine Ewigkeit jenseits der Zeit, und während der nächsten zehn Jahre fiel ihnen jeden Tag ein Wecker auf den Kopf"



allen ginsberg
das geheul (howl)

13.02.2012

mit sicherheit kein innerer frieden

athen, 12.02.12
link




""Frieden", verstanden als der gewaltlose, auf Kooperation bedachte Umgang der Staaten untereinander, verliert angesichts einer Neuinterpretation von "Sicherheit" als der Gewährleistung menschlicher Grundbedürfnisse an normativer Kraf und diskursiver Macht. Eine sicherere Welt könnte deshalb auch eine unfriedlichere Welt sein."




christopher daase
sicherheit schlägt frieden
polar 11/11

05.12.2011

free cabin porn (sfw)

abgeschiedenheit ist - im gegensatz zur einsamkeit - mit sich im reinen. abgeschiedenheit problematisiert nicht ihren gegenpart, während einsamkeit immer die gewollte oder ungewollte absenz der gesellschaft bedauert. fehlende teilhabe, wenn wir den gegenpart der abgeschiedenheit so nennen wollen, wird in der abgeschiedenheit nicht als verlust wahrgenommen. denn gerade die distanz zur teilhabe ist es, die im abgeschieden-sein oft gesucht wird.

in der federlande tut man sich schwer, mit dem mangel an möglichkeiten zur abgeschiedenheit. denn die räumliche distanz verändert die betrachtungsweise und relativiert betroffenheitsgefühle. vorausgesetzt, rückkehr und erneutes teilhaben sind nicht ausgeschlossen. die anziehung der abgeschiedenheit liegt nicht nur darin begründet, von etwas abgeschieden zu sein. nein, sie misst ihre schönheit an der teilhabe, wie man sie kannte und zurück erlangen wird.

dieser kleine exkurs dient ausschliesslich dem zweck, zach klein's blog cabin porn einzuführen. kleine orte in grosser umgebung. der blog versammelt fotos, die keinen zweifel daran lassen, dass abgeschiedenheit als sehnsuchtsort unseren projektionen unterliegt.






21.11.2011

die unfreiheit, zu protestieren

sophie hunger berichtet im rahmen ihrer us-tour "vom leben und sterben amerikas". amerika im fokus der bewegten frau hunger - eine vergnügliche lektüre. mit der gebotenen distanz der forschungsreisenden ergeben sich interessante makroaufnahmen amerikanischer eigenart. die aufzeichnungen leben von den eigentümlichen und bisweilen schrulligen ansichten ihrer interpretin. hunger verteidigt die partikularität ihrer eindrücke und vermeidet so den kopfschüttelreflex, welcher viele heimsucht, sobald das wort auf die eine oder andere angewohnheit der amerikaner fällt.
ihr schreibstil ist aber ein eigentliches menetekel. vielmehr als der gegenstand ihrer worte, öffnet der nämlich einen raum zwischen den zeilen und ja - nach jedem punkt. hier entfalten die angereicherten eindrücke ihre sinneskraft und wirken - ganz ohne empörung einzuflössen. die verheissungsvolle kraft folgt aufs lesen. und das ist bemerkenswert heutzutage, wo worte uns fristlos rühren sollen, wie donnerschläge und meinungen als universelle erkenntnis gebrandmarkt werden.

in folge sechs - "amerika entstand aus der revolte" - beschreibt sie den protest, der sich kürzlich rund um den globus ereignete und trifft damit den kern der sache:


"Manchmal habe ich das Gefühl, als wäre der Marsch, die Straße, das Plakat, die Menge, der Arafatschal, die Trillerpfeife, die Polizei, das Megafon, die Route, der Sprechgesang und selbst der Körper nichts als Teil eines anderen, großen Mythos. Spielen wir Demonstration, so wie wir es kennen von den Bildern aus unserer Vergangenheit? Wurden diese Gesten, Grimassen und Requisiten nicht entwickelt an einem Feind, um den es hier gar nicht geht? Wir fordern nicht den Kopf des Königs, des Despoten oder Polizeistaates. Wir opponieren gegen das Resultat unserer vermeintlichen Errungenschaften. Wie zersägt man den Ast, auf dem man sitzt? Wie entkolonialisiert man Afrika? Und wie, liebe ZEIT-ONLINE-Leser, wie dekonstruiert man Geld?"


der protest, eine totgeburt? unser sättigungsgefühl hat sich mit dem widerstandsverständnis von damals ins bett gelegt. die frucht dieser verbindung ist ausgestattet mit einer erbanlage, die nicht dazu taugt, zu verrichten, was so dringend nötig gewesen wäre. nämlich zündender funke zu sein.


dem unfrieden, welcher uns heute die galle hochtreibt, fehlt ein neuer name.

wir haben es uns verdient, so zu liegen, wie wir uns gebettet haben. ganz im gegensatz zu yoko und john. sie legten sich in das biedere bett ihrer zeit, legten sich eben da hinein. wohl wissend, dass es das bett  ihrer eltern und grosseltern war, in welchem sie die kameras dieser welt als fremdkörper und anpranger aufzeichneten.
unsere betten hingegen sind gemacht - und zwar von uns selbst. aller aufgebrachte ernst in der eigenen entscheidung, heutige zustände nicht zu billigen und dies mit plakat und buntstift zu proklamieren, verkommt damit zu kümmerlicher inszenierung. denn in wirklichkeit wurde diese unbill längst annektiert. der widerstand ist heute eine gut frequentierte einbahnstrasse im verkehrszentrum unserer multioptionsgesellschaft. sie zu fliehen heisst einfach, woanders mitzumachen.

kürzlich kam die frage auf, weshalb sich gelehrte und schriftsteller unserer zeit nicht bemüssigt fühlen, die krisen und proteste mit ihren klarheit schaffenden blicken zu bedenken. vermutlich tun sie nur gut daran und halten sich schadlos. denn die vernünftigen werden bemerkt haben, dass in diesem fall die mittel den zweck entheiligen.

05.09.2011

tell me a song



fatigue universelle




ein lied, das vor rund fünfzig jahren angestimmt wurde und dessen wahrheitsgehalt sich wohl - je älter es wird - desto mehr verdichtet:





bob dylan & the band - too much of nothing (the basement tapes)


Too much of nothing
Can make a man ill at ease
One man's temper might rise
While another man's temper might freeze
In the day of confession
We cannot mock a soul
Oh, when there's too much of nothing
No one has control.

Say hello to Valerie
Say hello to Vivian
Give them all my salary
On the waters of oblivion

When there's too much of nothing
It can cause a man to weep
He can walk the streets and boast like
Of what he'd like to keep
But it's all been done before
It's all been written in the book
And where there's too much of nothing
Nobody should look

Say hello to Valerie
Say hello to Vivian
Give them all my salary
On the waters of oblivion

And too much of nothing can make a man a liar
It can cause one man to sleep on nails
It can cause others to eat fire
Everybody's doin' somethin'
I heard it in a dream
But when there's too much of nothing
It just makes a fella mean

Say hello to Valerie
Say hello to Vivian
Give them all my salary
On the waters of oblivion

30.08.2011

solid space

1982 haben einige briten eine kassette mit obskurer musik bespielt. musik fürs digitale zeitalter, mit einem elegischen drang, - dem drang nach raum und schwerelosigkeit.






wenig ist nötig, um die grossen sehnsüchte anzurufen und musik weit über ihren klang hinaus bedeutsam zu machen.

die musik von solid space ist heute gut verfügbar. es lohnt sich, danach zu suchen.





solid space - destination moon




solid space - contemplation




solid space - a darkness in my soul

14.08.2011

materialismus und ignoranz - ein britischer musiker analysiert die sozialen unruhen

wer ignoriert, dass die vorgänge in grossbritannien ein hässliches kind unserer konsumzentrierten lebensweise sind, und ihnen die soziale komponente abspricht, missachtet eine realität, die dringend unserer ungeteilten aufmerksamkeit bedürfte. das gemeinschaftliche ideal des materiellen wohlstands als sozialökonomisches konzept muss überdenkt und korrigiert werden. junge menschen müssen - unabhängig von milieu, hautfarbe etc. - im rahmen ihrer schulbildung, mechanismen unseres wirtschaftssystems hinterfragen und relativieren lernen.

zu einem teil bedeutet dies die kapitulation vor den prozessen einer verwertungsgesellschaft, die in der realität vieler menschen unantastbar - und damit unhinterfragbar sind. je mehr medien über diese diffuse materie berichten, sei es in form des nächsten drohenden crashs oder in form von abzocker-stories, desto gewisser wird deren unbeeinflussbarkeit. wir alle wissen, welche gestalt reaktionen auf ohnmachtsgefühle bisweilen annhemen können. die affekthandlung der "bedrohten" lässt ganze strassenzüge in flammen aufgehen.





bibio



der britische musiker und produzent stephen wilkinson alias bibio analysierte unlängst die gewalteskalation auf seinem blog. er steht unter vertrag bei warp records, deren gesamter musikkatalog beim brand des sony/pias-gebäudes in london zerstört wurde. über 150 kleine record labels sind vom unglück betroffen, das in der nacht auf den 9. august von einem plündernden mob verursacht wurde.

bibio spart nicht mit anschuldigungen an die mentale verfassung der unterschicht-kids, 'chavs' genannt. ihr unbändiger herdentrieb nach luxusgütern stellt er als ursache der unruhen dar und befeuert damit das klischee des asozialen minderbemittelten, welches er aber im selben post wieder relativiert. gleichzeitig pocht er auf die reparatur von gemeinschaftsgefühlen mittels erziehung und bildung. seine perspektive auf die ereignisse ist allemal lesenswert.


lord of the flies dressed by adidas

29.07.2011

h. d. thoreau - walden oder leben in den wäldern




wie man es einrichtet, beim lesen von henry david thoreau's walden dem eigenen streben nach besitztümern gelassen zu begegnen, steht nirgendwo geschrieben. eine marternde ambivalenz ist als folge der lektüre unumgänglich.
so kann es sich ergeben, dass die neue wohnwand beim vorübergehen einen hasserfüllten blick erntet und angespuckt wird, oder dass gar eine aufstehende schublade so unbeherrscht zugedroschen wird, dass die armaturen splittern. ausbrüche dieser art scheinen im zusammenhang mit walden oder leben in den wäldern nicht nur plausibel, sie sind eine implizit formulierte forderung. wirklich tragische züge nimmt die eruption erst an, wenn wir uns tags darauf reumütig mit den reparaturarbeiten beschäftigt sehen und in einem akt von zärtlichkeit die spucke dazu benutzen, alle spuren abzuwischen.

es ist so mit aller ideologie. sie bringt einen dazu, verbittert kleinzuschlagen, was ihr gefährlich werden könnte. ideologie genügt sich selbst und ist ein egomanisches arschloch. sie frisst unversehens auf, was zuvor unbeachtet an wahrheiten herumlag und verdaut es zu einem betonharten wurfgeschoss, welches fortan als primäres kommunikationsmittel verwendung findet. ihr radikales selbstverständnis gebietet, schärfer zu schiessen, je mehr der fragwürdige verdauungstrakt sich mit zweifel konfrontiert sieht.

walden ist unzeitgemäss, obwohl ihm allseits das gegenteil konstatiert wird. genau aus diesem grund ist seine wirkung so unerbittlich. jeder einzelne buchstabe lässt einen den verrat spüren, den wir seit langer zeit an unserer natur üben. der verbindende faden, vom damals zum heute, lässt sich nicht kappen. die unzeitmässigkeit wird zum verstärker aller versäumnisse und kumuliert die schuldgefühle ins unerträgliche. so folgt versuch auf versuch, zu relativieren und glatt zu streichen, was sich an meilenhohen wellen türmt. aber die inhaltskritik bleibt wirkungslos. ein freibillet für die ideologie bedeutet das freilich noch lange nicht. im gegenteil, gerade jetzt sollten die motoren der selbsterkenntnis auf hochtouren laufen.



henry david thoreau


"Was bei manchen wilden Völkern Brauch ist, könnte wohl mit Nutzen von uns nachgeahmt werden: sie tun wenigstens alljährlich dergleichen, als ob sie ihre Haut abwürfen; sie haben wenigstens eine Idee von der Sache, ob diese nun Wirklichkeit hat oder nicht. Wäre es nicht gut, wenn wir solch ein busk, ein 'Fest der Erstlinge' hätten, wie Bertram schreibt, dass es bei den Mucclasse-Indianern Sitte war: "Wenn die Stadt das busk feiert, so sammeln die Bewohner, nachdem sie sich vorher mit neuen Kleidern, Töpfen, Pfannen und anderen Haus- und Einrichtungsgeräten versehen haben, alle abgetragenen Kleider und übrigen unappetitlichen Dinge und putzen und reinigen ihre Häuser, Plätze und die ganze Stadt von allem Unrat, den sie nebst dem übriggebliebenen Korn und sonstigen alten Vorräten auf einen Haufen zusammentragen und vom Feuer verzehren lassen. Nachdem die Arznei genommen und drei Tage lang gefastet haben, wird alles Feuer in der Stadt ausgelöscht. Während der Fastenzeit enthalten sie sich von der Befriedigung jeglichen Verlangens und jeglicher Leidenschaft. Allgemeine Amnestie wird verkündigt, alle Übeltäter dürfen in ihre Heimat zurückkehren.
Am vierten Tag erzeugt der Oberpriester, indem er trockene Holzstücke gegeneinender reibt, auf dem öffentlichen Platz ein neues Feuer, von dem aus alle Einwohner mit einer neuen, reinen Flamme versorgt werden.
dann speisen sie festlich vom neuen Korn und Obst, tanzen und singen drei Tage lang, und die vier folgenden Tage empfangen sie Besuch und freuen sich mit ihren Freunden aus den benachbarten Städten, welche sich auf gleiche Weise gereinigt und vorbereitet haben."
Auch die Mexikaner nehmen eine ähnliche Reinigung nach Ablauf von je zweiundfünzig Jahren vor, in der Meinung, es sei jetzt Zeit, dass die Welt untergehe.
Ich habe kaum je von einem wahrhaftigeren religiösen Ritus gehört - in dem Sinne, wie es das Lexikon erklärt, nämlich als "äusseres, sichtbares Zeichen einer inneren und geistigen Gnade" -, als diese ist, und hege nicht den geringsten Zweifel, dass die Betreffenden ursprünglich direkt vom Himmel zu solcher Handlung inspiriert wurden, wenn sie auch keinen biblischen Bericht über die Offenbarung besitzen."


h. d. thoreau
aus walden oder leben in den wäldern 

22.07.2011

sentenz

 
"Windhauch, Windhauch, alles ist Windhauch. Kein Mensch kann alles ausdrücken, nie wird ein Auge satt, nie ein Ohr vom Hören voll. Es gibt nichts Neues unter der Sonne."


Buch Kohelet (Buch Prediger)

14.07.2011

sentenz




der ausdruck "neusprech" (newspeak) hat in der orwell'schen terminologie einen festen platz. er bezeichnet den prozess der begriffsverengung. sie kann durch autoritäten bewirkt werden und ist ein schleichender begleiter unserer heutigen informationsgesellschaft. denn diesen effekt - neusprech - verfolgen nicht nur geübte rhetoriker als zielvorgabe mit ihren eindringlichen reden. viel subtiler und weitaus unbewusster sind wir heute damit konfrontiert. die gezeigte illustration rückt den begriff in einen schaurigen kontext. bringt man das zitat orwell's in verbindung, mit der personalisierung des internets, wie sie freund/feind google oder eben auch facebook praktizieren, drängen sich einige wichtige fragen auf.

wenn nicht..

(via)

05.05.2011

sentenz

 
"Gerechtigkeit war selbstverständlich eine leere Worthülse der Bürgerrhetorik, und um zum Handeln zu kommen, müsse man vor allen Dingen wissen, welche Gerechtigkeit man meine: diejenige, die jedem das Seine, oder diejenige, die allen das Gleiche geben wolle."


thomas mann
der zauberberg

11.04.2011

Das instrumentalisierte Buch

Weshalb kann es in Zeiten des Umbruchs lohnenswert sein, ein romantisches Buch zu lesen? Dieser Frage wird hier in aller Kürze nachgegangen. Ziel dieser Abhandlung ist es, eine Rechtfertigung zu finden, Die empathische Zivilisation (Campus Verlag, 2010) von Jeremy Rifkin zu lesen.


Jermey Rifkin

Herr Rifkin ist Soziologe. Er berät Regierungen, unterhält einen eigenen Think Tank und schreibt Bestseller. Seine Reputation in der Fachwelt ist unbestritten. Und trotzdem brachte ihm sein siebzehntes Buch, "Die empathische Zivilisation - Wege zu einem globalen Bewusstsein" mit vollem Namen, nur Kritik und Verriss ein. Der wissenschaftliche Gehalt wurde bemängelt. Die Herleitungen für seine Thesen seien bestenfalls abenteuerlich und würden in ihrer Darstellung nur zum Umschreiben diffuser Gefühle taugen.






Es ist ein Buch über Empathie. Die viel gelobte Fähigkeit der Menschen, für und miteinander zu fühlen. Von den umstrittenen Spiegelneuronen ist die Rede und vom grundlegend Guten im Menschen. Nirgendwo ist ein Erklärungsansatz zu finden, wie es dem Menschen immer wieder so einwandfrei gelingt, all das Gute in sich zu unterdrücken. Rifkin zeichnet eine schillernde Zukunft, in welcher wir Verantwortung für einander übernehmen. Diese Prognose stützt er auf ziemlich beliebig gesammelte, historische Erkenntnisse.

Aber das Buch kann mit einem einfachen Fokus-Entscheid ganz vergnüglich gelesen werden. Man kann sich berauschen lassen, von soviel Optimismus. Und das Erstaunliche dabei ist, dass wenn der Entscheid gefällt ist, das fast widerstandslos gelingt. Tiefenschärfe wäre dem Optimismus abträglich und so schaltet man alles Sträuben aus und überlässt sich ganz der dumpfen Naivität.
Nichts von dem, was Rifkin schreibt, ist unehrlich oder unwahr. Er ist wie ein bunter Schmetterling, der von Honigblüte zu Honigblüte fliegt und sich niemals auf genverändertem Mais oder auf Ölpalmen einer Palmplantage niederlässt. Wer will den Honigblüten Wahrhaftigkeit und Geltungsrecht absprechen, nur weil da noch Genmais und Ölpalme sind?

Vermutlich hätte das Buch auch Timothy Leary schreiben können. Auch bei ihm gilt: wer seine Bücher in letzter Konsequenz in die Ecke der Esoteriker und Verblendeten stellt, tut ihm Unrecht. Denn es sind perspektivenabhängige Gegenentwürfe für diese von pausenlosen Schreckensnachrichten geplagte Welt. Auch wenn sie den Status der Wissenschaftlichkeit verfehlen, so können sie trotzdem Gutes bewirken, indem über Gutes berichtet wird. In aller Wahrheit und dem fernen Wissen und Gewissen, dass die dunkle Seite tagtäglich genug Beachtung erhalte.

15.03.2011

songs for the new industrial state

sigmar polke - mu nieltnam netorruprup /(approx. no taoc nosmirc), 1975



krankgelesen, an allerlei wahrheiten
wundgehört, nicht glimpflicher.


(dieses gespann GAU-verursachender audiovision ergab sich rein zufällig auf der späten heimreise von der arbeit.)

12.03.2011

delicate steve - wondervisions




frühlingsalben haben etwas erlösendes an sich. sie räumen mit allem winterlichen schwermut auf und lassen etwas gut zugedecktes wiederaufleben, das die kalten wintermonate über tief geschlummert hat.
delicate steve lüftet die decken! kritiker würden vermutlich vortragen, er spiele die musik von ratatat auf selbst gemachten instrumenten. aber darum kümmert sich niemand in der federlande. was delicate steve auf wondervisions (luaka bop,1.2.11) zum besten gibt, klingt frisch, wie der frühling selbst. er ist tonangebend im reanimierungsreigen der kommenden wochen. und dafür wollen wir uns dankbar unterhaken bei steve und uns am blühenden leben freuen.


05.01.2011

wir konspirieren

je mehr informationsflut wir veranstalten, desto weniger finden wir uns damit zurecht. offensichtlich steht die möglichkeit, alles zu jeder zeit in erfahrung bringen zu können, in einem äusserst ungesunden verhältnis zu dem, was wir als subjektive realität anerkennen. anders lässt sich die folgende, aktuelle geschichte nicht ansatzweise erklären.

zur zeit fallen tote vögel wie regen vom himmel. nachzulesen in einem bericht in der zeit. einmal mehr lässt einen nicht die nachricht leer schlucken, sondern das medium. unerklärlichkeiten gehören nicht zur sonst so gründlich ausdifferenzierten informationsstrategie dieses blattes. gegen artikel, die antworten schuldig bleiben, ist nichts einzuwenden. wenn aber mithilfe fokussierter unerklärlichkeit stimmung gemacht wird, wenn die unerklärlichkeit selber zum aufhänger stilisiert wird, dann ist der tatbestand des vorsatzes erfüllt, und das blatt verfolgt eigennützige zwecke.

in diesem fall ist der effekt gleich in den leserkommentaren gut zu beobachten. anlass zur wilden spekulation gibt die zeit sonst selten. man sollte vermutlich dieses ereignis mehr zu schätzen wissen. kommt man aber dahinter, dass der ganz grosse teil der medien genau so funktioniert, so ist diese schlagzeile nur noch ein müdes lächeln inklusive abwinken wert.

natürlich, darum viel aufhebens zu machen, ist unverhältnismässig. dem wäre so, wenn sich darin nicht ein bestimmtes strickmuster erkennen liesse, welches die machenschaften unserer informationsanbieter enttarnt. dabei handelt es sich um einen manipulationsmechanismus, welcher unsere alltägliche wahrnehmung mitsteuert. dessen kann man sich gar nie bewusst genug sein.

29.11.2010

going nowhere, pt. II

der gestrige alarmismus war begründet. auch wenn sich heute die sicht auf die dinge verändert hat. herr federer - übrigens bald erster offizieller ehrenbürger und repräsentant der federlande - hat die welt vor schlimmerem bewahrt. dafür bedanken wir uns höflich. er alleine wird es jedoch nicht schaffen, andere krumme geschichten grade zu biegen.

es ist wie beim fuchs, der eines morgens beim erfrischenden bad vom packeis überrascht wurde: man sollte sich hüten davor, die kräfte, welche gegen die gute sache wirken, zu unterschätzen. der fuchs in seiner misslichen lage wird dem eis kein paroli mehr bieten.





es liegt also an uns, weiter für die gute sache einzustehen, das zu tun, wovon wir überzeugt sind. beharrlich - aber mit einem entschiedenen verständnis für den widerpart.

nach dem apokalyptischen let's burn down the cornfield von randy newman, heute halbwegs post-apokalyptische stimmungsmache von bob dylan. you ain't going nowhere.

28.11.2010

going nowhere

by edmund kesting


DAS ist kein sonntagmorgen, wie jeder andere! plüschige beschwichtigungsversuche und kanisterweise glühwein für's volk haben ihre wirkung verfehlt. die federlande macht sich sorgen. der heutige tag kann die ordnung der dinge an den rand ihres kollapses bringen. ein finalunterlegener roger federer, ein befürworten der ausschaffungsinitiative und die reaktion eines kauzigen zwergs auf ein militärmanöver im gelben meer - all das kann die welt zu einem ort machen, an dem man schon morgen nicht mehr aufwachen möchte..





Let's burn down the cornfield
Let's burn down the cornfield
And we can listen to it burn
You hide behind the oak tree
You hide behind the oak tree
Stay out of danger 'till I return
Oh, it's so good
On a cold night
To have a fire
Burnin' warm and bright
You hide behind the oak tree
You hide behind the oak tree
Stay out of danger 'till I return
Let's burn down the cornfield
Let's burn down the cornfield
And I'll make love to you while it's burning 

12.11.2010

Scott Walker

Scott Walker's Zweite hören und sich dabei fühlen, wie Alice im Wunderland. Bei diesem Wetter! An den unteren Baumenden die Wurzeln freigraben, mit baren Händen und goldglänzenden Augen. Als suchtest du etwas, das man da vor langer Zeit vergraben hatte. Der erstbesten Person mit Hund aufgeregt davon erzählen, dass der garstige Regen dem Wald die schönen Farben verwasche und dass du dich bei ihnen dafür entschuldigen möchtest. Am Boden liegend in der dicken Laubdecke schwimmen, immer und immer wieder Fontänen zerkauter Blätter in die Luft prustend. Gegen dicke, glatte Baumriesen anrempelnd lauthals behaupten, dir wäre der Weg eben hierdurch erklärt worden und du verständest beim besten Willen nicht, weshalb man sich dir nun derart entgegen stelle. Laubbäumlein schüttelnd mit aufgerissenen Augen in die Kronen starren, ohne zu blinzeln, wenn ein Tropfen trifft. Im erdigsten Morast kleinwüchsigen Tännlein entlang Kopfstände machen und spüren, wie sehr alles von dir zu diesem Boden gehört.