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16.05.2012

co(te)lette





"no story-telling, no solution and no ending. co(te)lette's story is restless and.. empty."








mit der choreographie von ann van den broek wird den versäumnissen des  jüngeren (post)feminismus in erschütternder weise ausdruck gegeben. co(te)lette, aufgenommen von mike figgis, ist ebenso antifeministisch, wie antisexistisch. letzterem kann man entgegenhalten, dass doch der ästhetik des nackten frauenleibs bühne geboten wird. da die nacktheit selbst aber in einem mass instrumentalisiert wird, den blick auf den weiblichen körper blosszulegen, wird ihr die kausalität zur lüsternheit gekappt. die entblössten leiber sind grobschlächtige werkzeuge der demontage ihrer eigenen erscheinung.

was von jennifer edwards in der huffington post so treffend beschrieben wurde, soll hier nicht repetiert werden. co(te)lette hat als ausgangspunkt einer neuen diskussion um die paradigmen des frauenbilds definitiv eine grosse plattform verdient.

im unergründlichen ubuweb kann das komplette werk gestreamt werden. wer sich den film ansehen will wird wissen, dass es sich nicht um sechzig selige minuten handelt, die da auf einen warten.

09.04.2012

Angst und Zweck

Ausgabe vom 4. April 2012



"Wie wir in der Folge einer Angst handeln und wie wir die Situation einschätzen, hängt also massgeblich davon ab, welchem Wissensangebot wir uns anschliessen wollen." So lautet die bange Prognose des Erziehungswissenschaftlers Marcus Balzereit in seinem aufschlussreichen Aufsatz Kein Grund zur Panik? Wie mit dem Wissen über die Angst regiert wird (polar Zeitschrift #11).
Das klingt nach einer freien Entscheidung, im ersten Moment. Die Prognose spielt aber auch mit dem Kalkül, dass Angst verpackt in ein mediales Wissensangebot vermittelt werde und dass diese bei Konsumenten und Konsumentinnen einen Zweck erfülle. Denjenigen nämlich, ihr subjektives Handeln auf eine Norm hin ausgerichtet legitimieren zu können.

Die ganze Düsternis solcher Presse entpuppt sich, wenn die Unbestimmtheit subjektiver Ängste wiederum auf einen allgemeinen Begriff gebracht wird. Der dänische Philosoph Sören Kierkegaard erklärt diese Rückführung mit der Unmöglichkeit, sich die Begründung seiner Handlungen vollkommen unabhängig zu liefern. Wenn auch Normen und Gesetze stabile Orientierungsgrundlagen bilden, so vermögen sie nicht die sich ängstigende Person aus der Angst um das Nichtwissen herauszuführen, was richtig und was falsch sei. Diese letzte Sicherheit in der Handlungsauslegung könne sie nur von einem Gott empfangen.
Was hier Rettung von der Not des Lesenden verspricht, ist der systematische Versuch der Autoren, ein Verlangen nach rechtem Handeln zu formen. Von den Ängstigenden wird das Medium angerufen, sie in ein sicheres Verhältnis zu geleiten, wo Angst sie in ihrer allgemeinen Begrifflichkeit wieder eint.

"Wer also in Konkurrenz zu anderen Anbietern, erfolgreich zu lehren versteht, was genau 'die Angst' sei, der nimmt Einfluss auf das Handeln derer, die an sein Wissen glauben. Ohne, und das ist der praktische Witz, dass er dies von ihnen zuvor hätte verlangen müssen." (Balzereit, ebd.)

05.03.2012

sentenz



"Wirklich ermüdend an The Turin Horse ist die Kombination aus einem Inhalt, der sich beharrlich weigert, etwas zu erzählen, und einer Aufmachung, die ständig Bedeutung suggeriert."



michael kienzl
filmkritik auf critic.de

13.02.2012

mit sicherheit kein innerer frieden

athen, 12.02.12
link




""Frieden", verstanden als der gewaltlose, auf Kooperation bedachte Umgang der Staaten untereinander, verliert angesichts einer Neuinterpretation von "Sicherheit" als der Gewährleistung menschlicher Grundbedürfnisse an normativer Kraf und diskursiver Macht. Eine sicherere Welt könnte deshalb auch eine unfriedlichere Welt sein."




christopher daase
sicherheit schlägt frieden
polar 11/11

29.01.2012

Bouvard et Pécuchet von Gustave Flaubert - eine Geschichte zwischen Inspiration und Ignoranz

Bouvard's und Pécuchet's Wissensdurst steht die Aussage gegenüber, es handle sich bei ihrer Geschichte um eine Beschreibung der menschlichen Dummheit. Bouvard und Pécuchet versuchen sich nacheinander in ganz verschiedenen Disziplinen der Wissenschaften und Künste. Je grösser der Eifer der beiden zu Beginn ihrer Abenteuer ist, desto mehr empören sie sich über das Scheitern ihrer Projekte. Dabei machen sich Bouvard und Pécuchet niemals Eingeständnisse, was die Qualität ihrer eigenen Motive angeht. Ihr Interesse ist rein und der Anspruch an dessen Verwirklichung absolut. Ebenso launenhaft, wie ihr intellektueller Blindflug durch die Wissenschaften, beginnt das Gelernte sie umzutreiben. Unzulänglichkeiten und Widrigkeiten lassen sie vom Glauben an das rationale und geordnete Leben abfallen. Sie entwickeln sich in der Wahrnehmung Anderer zu Anarchisten, für die Werte und Pietät nur Fortschrittshindernisse bedeuten. Ihr angestrebter Erkenntnisgewinn unterliegt keinerlei Selektion. Der Hypothese, als auch deren Entkräftung sowie dem neuerlichen Entwurf messen sie uneingeschränkte Geltung bei. Sie vernachlässigen ihre Prämissen und Veranlagungen ebenso, wie die eigene Tauglichkeit und leben in einer Dimension, in der alles gilt, jedoch nichts wahrhaftig ist.

Ihr launenhafter Wissenserwerb wird rasch einem Attraktionstest unterzogen. Die Präsentationen werden als gesellschaftliche Ereignisse auf dem landwirtschaftlichen Gut der beiden inszeniert. Dabei benutzen sie schamlos ihr Umfeld, welches der Zeit entsprechend weniger aus Freundschaften, als aus standesgemässen Kontakten besteht. Für Unverständnis oder gar Widerspruch aus dem konsternierten Publikum bringen Bouvard und Pécuchet keinerlei Verständnis auf. Im Gegenteil, schnell fühlen sie sich missverstanden und reagieren ungehalten. Da ist es dann auch kein langer Weg, bis zu den ersten verbitterten Bemerkungen über die Ignoranz oder den mangelhaften Intellekt ihrer undankbaren Bekannten. Besonders das letzte Kapitel, in welchem Bouvard und Pécuchet zwei Zöglinge direkt an ihrem Wissensschatz teilhaben lassen wollen, zeugt vom tölpelhaften Unvermögen der beiden, Verständnis für Moral und Sitten als Grundlagen eines tugendhaften Lebens weiterzureichen. Derart zur Schau gestellt, wird ihrem Wissen kein Wert anerkannt. Nur den Präsentationen selbst bekunden einige Wenige einen skurrilen Unterhaltungswert. So werden sie selber zu Attraktionen. Im Dorf sind sie bekannt, wie bunte Hunde, über die das geringste Volk verächtlich den Kopf schüttelt.






Diese Ignoranz im Wissen-Wollen ist die eklatante Dummheit Bouvard's und Pécuchet's. Sie ist hart erkämpft und äussert sich mit nervöser Penetranz. Im Gegensatz zur heutigen Zeit, bedeutete es für sie grosse Anstrengungen, zu den Mitteln zu kommen, die ihren Wissensdurst stillten. Der Roman spielt Mitte des neunzehnten Jahrhunderts. Das Wissen stand damals nur einer erlesenen Gemeinschaft zur Verfügung. Die Auswahl ihrer Quellen erfolgte nach einem Wirksamkeitsprinzip: konnte der Inhalt einer Lehre vor den eigenen Erfahrungen oder vor Publikum nicht bestehen, so war sie in den Augen Bouvard's und Pécuchet's widerlegt und zu nichts nutze. Mit der Hartnäckigkeit von Betrogenen sind sie auf der Suche nach einer Wahrheit, die sie in ihrer Vorstellung nur immer wieder hinters Licht führt.

Insgesamt nahm die unvollendete Schrift Gustave Flaubert's eine Entwicklung vorweg, welche sich bis heute zuspitzt. Der Eifer, wissen zu wollen, begann mit der Verfügbarkeit von Wissen und Information zu wachsen. Die Geltungssucht der Informationen reizt unsere Wissbegier umso mehr. Ein Mahlstrom der Unstillbarkeit tut sich auf. Jeder kann alles in Erfahrung bringen, zu jeder Zeit. Ein vertieftes Verständnis für die Materie und deren Anbindung an ihre Umgebung - die wahrhaftige Komponente des Wissens - wird immer seltener erlangt. Die Demokratisierung des Wissens hat so eine Abwertung desselben zur Folge. Seine spektakuläre Inszenierung transformiert Inhalte zu Tupfern in einem Mosaik, dessen Einzelteile nicht zusammenpassen wollen.

Nach allen Misserfolgen haben sich Bouvard und Pécuchet darauf beschieden, wieder zu ihrem alten Beruf zurückzukehren, da "ihnen alles unter ihren Händen in Stücke zerbrochen ist". Wenn alle Stricke reissen, sind wir also doch einfach das, was wir sind und erst dann ist das auch genug wert. Ein Effekt, welcher der rasanten Differenzierung vieler Lebensbereiche folgt, lässt sich an dieser Schlusswendung in Flaubert's Roman ablesen.
In einer Gesellschaft, die vorgibt, jedem von uns eine Unzahl von Angeboten offenzuhalten, agiert man bald mit Resignation. Jede ungenutzte, dieser potenziellen Möglichkeiten, schlägt imaginäre Krater in die eigene Vita. Und auch hier ist viel Bouvard'scher und Pécuchet'scher Eifer zu entdecken. Es scheint, als müsste in dieser Welt voller Optionen der Mensch bis auf seinen Kern abgerieben werden, in einer Mühle zwischen Wissen und Wollen, um schlussendlich zu seinem Selbstwert zu finden. Nach dieser Odyssee bleibt eine Reduktion übrig, ein Fragment unserer selbst, das blendet mit seinem Schliff und Glanz. Weshalb aber hüten wir dieses Schmuckstück vor neugierigen Blicken und verdecken nach Möglichkeit seine unprätentiöse Schönheit? Weil sich darin alle unsere verlustreichen Kämpfe spiegeln, die wir auf dem Weg zu diesem bescheidenen Gewinn ausgefochten haben. Es steht stellvertretend für den Verlust aller Möglichkeiten. Bouvard und Pécuchet haben für ihre bescheidene Erkenntnis, dass ihr ursprünglicher Beruf doch gut genug für sie sei, mit dem Verlust von Träumen und Hoffnungen bezahlt.

Es ist schwierig, dem antiken, griechischen Orakelspruch Genüge zu tun, wonach es Ziel jedes Menschen sei, sich selbst zu erkennen. Heute wie ehemals. Die Vielfalt an Werkzeugen, die man uns heute zum Sichern und Erleichtern des Wegs reicht, ist überwältigend. Umso mehr Achtsamkeit ist geboten bei deren Auswahl.

21.11.2011

die unfreiheit, zu protestieren

sophie hunger berichtet im rahmen ihrer us-tour "vom leben und sterben amerikas". amerika im fokus der bewegten frau hunger - eine vergnügliche lektüre. mit der gebotenen distanz der forschungsreisenden ergeben sich interessante makroaufnahmen amerikanischer eigenart. die aufzeichnungen leben von den eigentümlichen und bisweilen schrulligen ansichten ihrer interpretin. hunger verteidigt die partikularität ihrer eindrücke und vermeidet so den kopfschüttelreflex, welcher viele heimsucht, sobald das wort auf die eine oder andere angewohnheit der amerikaner fällt.
ihr schreibstil ist aber ein eigentliches menetekel. vielmehr als der gegenstand ihrer worte, öffnet der nämlich einen raum zwischen den zeilen und ja - nach jedem punkt. hier entfalten die angereicherten eindrücke ihre sinneskraft und wirken - ganz ohne empörung einzuflössen. die verheissungsvolle kraft folgt aufs lesen. und das ist bemerkenswert heutzutage, wo worte uns fristlos rühren sollen, wie donnerschläge und meinungen als universelle erkenntnis gebrandmarkt werden.

in folge sechs - "amerika entstand aus der revolte" - beschreibt sie den protest, der sich kürzlich rund um den globus ereignete und trifft damit den kern der sache:


"Manchmal habe ich das Gefühl, als wäre der Marsch, die Straße, das Plakat, die Menge, der Arafatschal, die Trillerpfeife, die Polizei, das Megafon, die Route, der Sprechgesang und selbst der Körper nichts als Teil eines anderen, großen Mythos. Spielen wir Demonstration, so wie wir es kennen von den Bildern aus unserer Vergangenheit? Wurden diese Gesten, Grimassen und Requisiten nicht entwickelt an einem Feind, um den es hier gar nicht geht? Wir fordern nicht den Kopf des Königs, des Despoten oder Polizeistaates. Wir opponieren gegen das Resultat unserer vermeintlichen Errungenschaften. Wie zersägt man den Ast, auf dem man sitzt? Wie entkolonialisiert man Afrika? Und wie, liebe ZEIT-ONLINE-Leser, wie dekonstruiert man Geld?"


der protest, eine totgeburt? unser sättigungsgefühl hat sich mit dem widerstandsverständnis von damals ins bett gelegt. die frucht dieser verbindung ist ausgestattet mit einer erbanlage, die nicht dazu taugt, zu verrichten, was so dringend nötig gewesen wäre. nämlich zündender funke zu sein.


dem unfrieden, welcher uns heute die galle hochtreibt, fehlt ein neuer name.

wir haben es uns verdient, so zu liegen, wie wir uns gebettet haben. ganz im gegensatz zu yoko und john. sie legten sich in das biedere bett ihrer zeit, legten sich eben da hinein. wohl wissend, dass es das bett  ihrer eltern und grosseltern war, in welchem sie die kameras dieser welt als fremdkörper und anpranger aufzeichneten.
unsere betten hingegen sind gemacht - und zwar von uns selbst. aller aufgebrachte ernst in der eigenen entscheidung, heutige zustände nicht zu billigen und dies mit plakat und buntstift zu proklamieren, verkommt damit zu kümmerlicher inszenierung. denn in wirklichkeit wurde diese unbill längst annektiert. der widerstand ist heute eine gut frequentierte einbahnstrasse im verkehrszentrum unserer multioptionsgesellschaft. sie zu fliehen heisst einfach, woanders mitzumachen.

kürzlich kam die frage auf, weshalb sich gelehrte und schriftsteller unserer zeit nicht bemüssigt fühlen, die krisen und proteste mit ihren klarheit schaffenden blicken zu bedenken. vermutlich tun sie nur gut daran und halten sich schadlos. denn die vernünftigen werden bemerkt haben, dass in diesem fall die mittel den zweck entheiligen.

06.10.2011

sentenz

 
"Nicht was man aus uns gemacht hat, ist das Entscheidende, sondern was wir selbst aus dem machen, was man aus uns gemacht hat."


jean-paul sartre



dieser satz hat die kraft, sich in den gehirnwindungen des lesenden festzusetzen. eine zeit lang kann man sich sinnierend seiner zweideutigkeit hingeben. zunächst leisten triumph und illusion als gegensätzliche pole orientierungshilfe. das faszinierende daran ist, dass - je länger man sich mit diesen worten beschäftigt - die beiden begriffe sich in einem perpetuum mobile der widersprüchlichkeiten übereinander zu legen beginnen und eine unterscheidung zunehmend unmöglich wird. daraus schöpft diese weissagung eine orakelhafte kraft.

das zitat wurde dem merkur sonderheft 09/10 des verlags klett-cora entnommen, welches sich unter dem titel sag die wahrheit! warum jeder ein nonkonformist sein will, aber nur wenige es sind mit möglichkeiten und grenzen des nonkonformismus in der heutigen gesellschaft beschäftigt. die enthaltenen 25 essays, welche die thematik aus ganz unterschiedlichen perspektiven beleuchten, sind allesamt uneingeschränkt lesenswert.






wem ein skeptischer konformismus immer als die bequemere variante erschien, oder wer das bedeutungsspektrum der worte "change the system from within" ausloten will - dem- oder derjenigen sei diese zeitschrift wärmstens empfohlen. denn nicht vieles, was heute gedruckt wird, vermag einer begrifflichkeit so schamlos auf die pelle zu rücken, indem es sie quasi umzingelt. viel eher schwört man sich dieser tage auf eine verengende und vereinnahmende herangehensweise ein, welche dem gegenstand eine konsumentenverträgliche passform aufzwingt.

21.09.2011

sentenz

 

"Wer schweigt, kann immer noch reden. Wer dagegen geredet hat, kann darüber nicht mehr schweigen."


niklas luhmann

14.08.2011

materialismus und ignoranz - ein britischer musiker analysiert die sozialen unruhen

wer ignoriert, dass die vorgänge in grossbritannien ein hässliches kind unserer konsumzentrierten lebensweise sind, und ihnen die soziale komponente abspricht, missachtet eine realität, die dringend unserer ungeteilten aufmerksamkeit bedürfte. das gemeinschaftliche ideal des materiellen wohlstands als sozialökonomisches konzept muss überdenkt und korrigiert werden. junge menschen müssen - unabhängig von milieu, hautfarbe etc. - im rahmen ihrer schulbildung, mechanismen unseres wirtschaftssystems hinterfragen und relativieren lernen.

zu einem teil bedeutet dies die kapitulation vor den prozessen einer verwertungsgesellschaft, die in der realität vieler menschen unantastbar - und damit unhinterfragbar sind. je mehr medien über diese diffuse materie berichten, sei es in form des nächsten drohenden crashs oder in form von abzocker-stories, desto gewisser wird deren unbeeinflussbarkeit. wir alle wissen, welche gestalt reaktionen auf ohnmachtsgefühle bisweilen annhemen können. die affekthandlung der "bedrohten" lässt ganze strassenzüge in flammen aufgehen.





bibio



der britische musiker und produzent stephen wilkinson alias bibio analysierte unlängst die gewalteskalation auf seinem blog. er steht unter vertrag bei warp records, deren gesamter musikkatalog beim brand des sony/pias-gebäudes in london zerstört wurde. über 150 kleine record labels sind vom unglück betroffen, das in der nacht auf den 9. august von einem plündernden mob verursacht wurde.

bibio spart nicht mit anschuldigungen an die mentale verfassung der unterschicht-kids, 'chavs' genannt. ihr unbändiger herdentrieb nach luxusgütern stellt er als ursache der unruhen dar und befeuert damit das klischee des asozialen minderbemittelten, welches er aber im selben post wieder relativiert. gleichzeitig pocht er auf die reparatur von gemeinschaftsgefühlen mittels erziehung und bildung. seine perspektive auf die ereignisse ist allemal lesenswert.


lord of the flies dressed by adidas

14.07.2011

sentenz




der ausdruck "neusprech" (newspeak) hat in der orwell'schen terminologie einen festen platz. er bezeichnet den prozess der begriffsverengung. sie kann durch autoritäten bewirkt werden und ist ein schleichender begleiter unserer heutigen informationsgesellschaft. denn diesen effekt - neusprech - verfolgen nicht nur geübte rhetoriker als zielvorgabe mit ihren eindringlichen reden. viel subtiler und weitaus unbewusster sind wir heute damit konfrontiert. die gezeigte illustration rückt den begriff in einen schaurigen kontext. bringt man das zitat orwell's in verbindung, mit der personalisierung des internets, wie sie freund/feind google oder eben auch facebook praktizieren, drängen sich einige wichtige fragen auf.

wenn nicht..

(via)

24.05.2011

superstar: the karen carpenter story

ein dramatisches schicksal mit barbie puppen nachstellen: darf man das? karen carpenter litt an anorexie - und zeitlebens an ihren eigenen erfolgen. zusammen mit ihrem bruder richard carpenter war sie eins der grossen pop-phänomene in den staaten der 70er. karen sang und spielte schlagzeug.

todd haynes hat ihre geschichte 1987 unter dem namen superstar: the karen carpenter story verfilmt. die darsteller sind sinnigerweise barbie puppen. da im film musik der carpenters verwendet wurde und richard die rechte daran nicht zur verfügung gestellt hatte, fand er nie wirklich an die öffentlichkeit.

karen capenter ist 1983 gerade 32jährig an herzversagen gestorben.



17.05.2011

the burning house

nur was fortzutragen ist.
the burning house.
ein interessantes projekt von foster huntington aus new york.

was uns wohl an der vorstellung fasziniert,
unsere sachen loszuwerden?



nicht dem feuer überlassen: hannah queen's lieblingssachen


 .

26.04.2011

sentenz


"people living close to nature tend to be noble. it's seeing all those sunsets that does it. you can't watch a sunset and then go off and set fire to your neighbour's tepee."


zivilisationskritiker und schriftsteller

11.03.2011

Kritik der reinen Ästhetik

Wir alle streben nach Erkenntnis. Gemäss Immanuel Kant gibt es zwei Ebenen, welche menschliches Erkennen ausmachen: die Grundlage der Sinneswahrnehmung zum Ersten, und den aktiven Prozess der transzendentalen Logik zum Zweiten. Ersteres passiert unbewusst, ist also rein anatomisch-primitiver Natur. Die Ursuppe wird erst im zweiten Schritt mit Gedanken angereichert, was dann - je nach Subjekt - mehr oder weniger aktiv gesteuert wird. Dieser Zweischritt zum Erkennen nennt Kant transzendetale Ästhetik.

Tom Ford kann man wohl als Mann der Ästhetik bezeichnen. Sowohl als Modedesigner, wie auch als Regisseur hat er sich einer Form der Perfektion verschrieben. Und streben nach Ästhetik bedeutet immer auch streben nach Perfektion.

Für den zuvor angestossenen Gedanken soll sein Regie-Debut A Single Man als Anschauungsmodell dienen. Wir wollen Mass daran nehmen, um gewissen Umständen auf den Grund zu gehen. Dem grossartigen Film sollen dabei keineswegs die anmutigen Schwingen gestutzt werden. Viel eher soll dieser bescheidene Kommentar dazu dienen, die einzelnen Federn daran zu ordnen, gut sichtbar und in ihrer vollen Form erkennbar zu machen.





A Single Man ist alles andere, als dumpf auf Ästhetik getrimmte Unterhaltung für die It-Generation. Die Schönheit im Film ist nicht sinnleer. Im Gegenteil. Sie wird hervorragend ergänzt mit gehaltvollen Dialogen und ebensolcher Schwermütigkeit. Diese Ästhetik gewinnt erst Vollendung, durch ihre ebenfalls schönen Anrainer. Sie wird umschwärmt und verehrt. In diesem rauschhaften Tanz inszeniert Ford sie als reine Tugend.

Es handelt sich dabei um nichts mehr, als um eine Empfindung des Intellekts. Es ist denkerische Ästhetik, die dem Schöngeist serviert wird. Bilder, Schnitt, Schauspiel, Dialog und Kleidung vermengen sich zu einem effizienten Ensemble der Zweckdienlichkeit. Alles dient unverfälschtem Gefallen. Als recht offensiv kann das erlebt werden, wenn das eigene Schönheitsempfinden unter diesen Dauerbeschuss von Appellen gerät.





Thomas Mann widmet dem Erfassen von Schönheit in Der Tod in Venedig folgenden Satz:
"Fast jedem Künstlernaturell ist ein üppiger und verräterischer Hang eingeboren, Schönheit schaffende Ungerechtigkeit anzuerkennen und aristokratischer Bevorzugung Teilnahme und Huldigung engegenzubringen."
Was ist also dieser Hang zur Schönheit schaffenden Ungerechtigkeit? Es geht dabei um Kontraste, welche der Hervorhebung von Schönheit dienlich sind. Schönheit kann immer nur im Kontrast zum weniger schönen bestehen. Und sie besteht gleichzeitig auf Kosten dessen, was in unserem Wahrnehmen gegen sie abfällt. Darin liegt die Ungerechtigkeit und Dichotomie der Schönheit verborgen.

Die Ästhetik in A Single Man wird aber deshalb als so überwältigend wahrgenommen, weil ihr Widerpart ausgeblendet bleibt. Und genau das ist hohe Schule. Der Schönheit selbst werden im Film Kränze gewunden, als gäbe es nichts anderes, nur Schönheit um der Schönheit willen. Alles Schattenhafte, alles Sklavenhafte, das der Schönheit sonst zudient, scheint nicht vorhanden zu sein. Selbst im Elend eines Todesfalls ist nicht weniger, als die Ansehnlichkeit der Trauer zu Hause.





A Single Man ist ein Fantasiegebilde, das krude Gegensätze zur Realität zeichnet. So sollten sich im Zuge des zweiten erkenntnistheoretischen Schrittes von Kant gewisse reflexartige Reaktionen einstellen, führen doch diese schönen Bilder kaltblütig die Herabwürdigung unserer Wirklichkeit im Schilde. Besser noch: die Momente purer Ästhetik existieren in Wahrheit mit aus diesem Grund. Ihr Hochleben verdanken sie unserer als nicht so schön empfundenen Realität.

Aber wenig passiert. Wir sind gerne dazu bereit, Momenten des ungetrübten Schönheitsempfindens Teile unserer Wirklichkeit zu opfern. Frägt niemand nach Herkunft und Beschaffenheit des Opfers, können diese Momente des Genusses weitreichende Folgen haben. Der Begriff der Ästhetik wird verzerrt und über unser Wirklichkeitserleben emporgehoben. Schönheit gehört aber in unseren Alltag, Schönheit darf schmutzig sein und auch mal ganz trivial. Sie soll nicht hinweggehoben werden, dorthin, wo keiner mehr ihr genügt.

A Single Man ist ein erstaunliches Kunstwerk, welches in seiner artifiziellen Anschauung von Ästhetik Bezug nimmt, auf unser Wirklichkeitserleben. Dieser Bezug muss hergestellt sein, um dem Kunstwerk seine Raison d'Être zu verschaffen.

10.01.2011

Selten klar

Joachim hatte vor kurzem erstmals seinen Tod geträumt. Er erlebte das jetzt öfters. Diese seltenen Momente vollkommener Klarheit. Selten, weil sie üblicherweise nicht in überschaubarer Häufung zu Tage traten. Er konnte sich ehrlich gesagt gar nicht an vorher erinnern. Wie das war, als er dieses Ereignis vielleicht ein- oder zweimal zutiefst verwundert bemerkt hatte, ihm aber keine weitere Beachtung geschenkt hatte. Da war es auch nicht um seinen Tod gegangen. Vorher war ihm jetzt egal. Denn jetzt hatten die Ereignisse seine Beachtung gewonnen, - mehr noch, sie hatten sie aufs Gröbste erzwungen. Unangenehm war es ihm nicht. Obwohl er sich irgendwie entwillt vorkam.

Dicht am Nacken den Duschkopf, den harten Strahl genau dorthin gerichtet, wo die Wirbelsäule in den Kopf ragt, - so kam er zu sich. Das Wasser in der kleinen Duschkabine stand ihm über die Knöchel und drohte beim nächsten Tropfen überzulaufen. Er stand sehr gerade aufgerichtet  und schaute mit halbgeschlossenen Augen oberhalb der Duschvorhangstange in die nahe Badezimmerlampe. Wobei sich das Licht in organischer Fliessbewegung zu ihm hinzubewegen schien. Es sprang von Dampfpartikel zu Dampfpartikel, welche in diesem Moment in beachtenswerter Dichte standen. Und so tropfte es von den Fliessen. Es tropfte von seinen Wimpern über seine Lippen und er wollte es eigentlich einsaugen, wie Kleinkinder das gelegentlich bei Weinkrämpfen mit Tränen tun, wenn sie ihnen dick auf die Oberlippe rollen. Er konnte nicht. Er war sich nicht sicher, ob er tatsächlich da war.

Joachim war hochgewachsen. Er passte in diese Wohnung, als hätte er zur Zeit ihrer Entstehung den Maurergesellen in jedem einzelnen Raum Modell gestanden. Als hätten sie die Wände und Decken nach seinem Körpermass geschaffen. Aber das war dann auch schon das Ende seiner bescheidenen Allmachtsphantasien. Er erlaubte sich wenig in dieser Hinsicht und wusste genau um seine Durchschnittlichkeit. Nicht dass er sich klein machte deswegen. Alles war solide an ihm. Aber die Vorstellung, dass jemand um seinen Körper herum ein Haus bauen lassen könnte, gefiel ihm und er schmückte sie deswegen oft aus.

Keine Ahnung, wie lange er bereits da stand. Alles Vorher war trüb. Er erinnerte sich, früher von der Arbeit gegangen zu sein. Auf dem Nachhauseweg plagte ihn der Hunger, da er wie so oft kein Geld mehr abheben konnte und aus diesem Grund auf Zwischenmahlzeiten verzichten musste. Vielleicht hatte er gegessen und war dann unter die Dusche gestiegen, um sich rechtzeitig für den Blockbuster vor dem Fernseher einfinden zu können. Alles, was er in diesem Moment wusste war, dass seine beiden Lungenflügel so randvoll mit Luft waren, dass er in der Folge gefühlte Minuten ausatmete. Er hatte sich noch nie in seinem ganzen Leben so voll Luft und Licht und Liebe gefühlt, wie jetzt. Durchdrungen von diesem Ereignis, nachdem er bereits wieder einatmen musste und vor Vermeidung und Herauszögern beinahe in Ohnmacht gefallen war, schaffte er es, den Hahn zuzudrehen.

Kurzum, er war ihm begegnet. Er musste es gewesen sein. Im Innersten erschüttert schob er den Duschvorhang zur Seite und setzte seine Füsse treffsicher auf die rote Fussmatte, die er auf dem Boden vor der Kabine platziert hatte. Was konnte man schon dazu sagen? Solche Dinge waren weit ausserhalb irgendeiner Begrifflichkeit. Joachim suchte nicht nach Worten. So blieben diese Ereignisse, die – wie man meinen könnte – von grossem Interesse waren, für ihn Fussnoten eines festgeschriebenen Lebens. Ein Leben, das sich die Blösse gerne mit einem weichgespülten Frotteetuch verhüllt und nackten Fusses, noch benetzt von dem Wasser, das vorhin Licht und Liebe vorgab zu sein, vor die Eingangstür tritt, den Arm nach dem halbleeren Bierkasten streckt und sich gemütlich vor dem Fernseher zum längst vergangenen Blockbuster einfindet.


©ns

29.11.2010

going nowhere, pt. II

der gestrige alarmismus war begründet. auch wenn sich heute die sicht auf die dinge verändert hat. herr federer - übrigens bald erster offizieller ehrenbürger und repräsentant der federlande - hat die welt vor schlimmerem bewahrt. dafür bedanken wir uns höflich. er alleine wird es jedoch nicht schaffen, andere krumme geschichten grade zu biegen.

es ist wie beim fuchs, der eines morgens beim erfrischenden bad vom packeis überrascht wurde: man sollte sich hüten davor, die kräfte, welche gegen die gute sache wirken, zu unterschätzen. der fuchs in seiner misslichen lage wird dem eis kein paroli mehr bieten.





es liegt also an uns, weiter für die gute sache einzustehen, das zu tun, wovon wir überzeugt sind. beharrlich - aber mit einem entschiedenen verständnis für den widerpart.

nach dem apokalyptischen let's burn down the cornfield von randy newman, heute halbwegs post-apokalyptische stimmungsmache von bob dylan. you ain't going nowhere.

28.11.2010

going nowhere

by edmund kesting


DAS ist kein sonntagmorgen, wie jeder andere! plüschige beschwichtigungsversuche und kanisterweise glühwein für's volk haben ihre wirkung verfehlt. die federlande macht sich sorgen. der heutige tag kann die ordnung der dinge an den rand ihres kollapses bringen. ein finalunterlegener roger federer, ein befürworten der ausschaffungsinitiative und die reaktion eines kauzigen zwergs auf ein militärmanöver im gelben meer - all das kann die welt zu einem ort machen, an dem man schon morgen nicht mehr aufwachen möchte..





Let's burn down the cornfield
Let's burn down the cornfield
And we can listen to it burn
You hide behind the oak tree
You hide behind the oak tree
Stay out of danger 'till I return
Oh, it's so good
On a cold night
To have a fire
Burnin' warm and bright
You hide behind the oak tree
You hide behind the oak tree
Stay out of danger 'till I return
Let's burn down the cornfield
Let's burn down the cornfield
And I'll make love to you while it's burning 

25.10.2010

Informationsdesaster

Kürzlich liess ich mich unterrichten, dass man beim Eidgen. Kontroll-Zentrum für Empathie und Mitgefühl (EKZEM) Kulturatteste beantragen könne. Es handle sich dabei um Dokumente, die grundsätzlich jedem mündigen Schweizer Bürger zustünden. Ich gab mich ungläubig, da ich weder von einer derartigen Fachstelle, noch von besagten Attesten jemals gehört hatte. Ich ging, um ehrlich zu sein, davon aus, ordentlich verschaukelt zu werden. Zumal der Informant alles andere war, als eine Quelle realitätsbezogener Wahrheiten. Das Medium ist die Botschaft und in diesem Fall sah ich mich dazu veranlasst, mit äusserster Vorsicht zu geniessen, was ich da hörte. Denn diese Person vertrat Positionen, welche sich für unbescholtene Bürger als kaum nachvollziehbar erwiesen. Das ging soweit, dass mir bei dafür günstiger Gelegenheit von Früchten erzählt wurde, welche nur zu eben jenem Zweck existierten, durch ihr absonderliches Aussehen das Leben von besagter Person zu behelligen und im Allgemeinen zu erschweren. Diese Position gab keinerlei Auskunft über eine Realität, welche diesen Früchten zuzuschreiben war, sondern lediglich über die Laune des Informanten, mit der Beschaffenheit von gewissen Früchten nicht einverstanden zu sein und diese in irgendeinem Widerspruch zu seinen Ansichten zu sehen.

Doch die Launen des Informanten waren des Öfteren in einer unbequemen Art ergiebig. Seinem Stande als Informant gemäss, verhielt er sich gewöhnlich sehr konspirativ. Der hochgeschlagene Kragen seines zu eleganten Burberry-Mantels stach ihn mehrfach ins Auge, wenn er mich seitlich mit listigen Augen zu fokussieren versuchte. Dieser Mann empfand die Welt als widrig und kämpfte mit Argwohn gegen das Abfinden mit den Umständen. Er benutzte flüchtige Eindrücke um sich immer wieder gegen dieses und jenes aufzuwiegeln. Das bereitete ihm zwar sichtlich Mühe, denn seine Empörung war gesucht und anstrengend konstruiert. Trotzdem konnte man ihm einen gewissen Scharfsinn nicht absprechen. Auch wenn seine Schilderungen und die Schlüsse, die er daraus zog, von wilder Beliebigkeit mehr hatten, als von Abstraktionsvermögen, so konnte er doch Zuhörer mit seinen Reden in den Bann ziehen. Präzis traf er damit einen eigentümlichen Nerv und bald zogen sich seine Einwände wie gähnende Risse in die eigenen, verdichteten Gesinnungen. Man konnte ihn auslachen, während er unbemerkt und entgegen jeder Vernunft ins Innerste vordrang und dort Absurdität in Realität verwandelte. Soviel zur merkwürdigen Erscheinung des Informanten, welcher nun weiter auf das zweifelhafte Kulturattest einging.

Schweizer seien allgemein ja ein äusserst kultiviertes Völklein, fuhr dieser fort. Es sei daher nicht verwunderlich, dass man sich im internationalen Vergleich durch eine Sonderleistung auf diesem Gebiet hervortun wolle. Man strebe damit nämlich nicht eine kulturelle Vormachtstellung an. Im Gegenteil, das Attest ziele darauf ab, eine Kultur des allgemeinen Kultur-Schätzens anzuregen und Attestierte oder Aspirierende von den Vorzügen anderer Kulturen in Kenntnis zu setzen.

Ich bestand darauf, dass es sich dabei um einen grotesken Scherz handeln müsse. Wenn nicht von offizieller Seite, dann müsse ihm sein Hirn einen bemitleidenswerten Streich spielen. Denn was der Informant an Gründen für dieses Attest anfügte, schien mir zutiefst befremdend und ich fragte mich, ob ich mich nicht woanders hinsetzen sollte, um mir die Peinlichkeit seiner Rede zu ersparen.

Aber der Unsägliche begann, offensichtlich animiert durch meine Skepsis, auf einmal lauter zu referieren. Ausserdem schien er jetzt von einer sorgfältigen Ausdrucksweise, in sprachlich härtere Gangart zu verfallen. Ich quittierte diese Nachlässigkeit mit einem vorgetäuschten Spontanschlaf. Ich legte meinen Kopf an die hohe Sitzlehne und schob mir den Hut tief ins Gesicht. Ich streckte mich so offensiv, wie nur möglich und schickte mich an, auf der Stelle einzuschlafen. Dieses Manöver gelang mir vorzüglich. Es regte sich Freude in mir, den Informanten, welcher sich der Aufmerksamkeit, die man ihm schuldet, allzu bewusst war, im eisernen Griff zu haben. Er empfand meine perfide zum Ausdruck gebrachte Abneigung gegen sein Geschwätz als Affront und kritisierte daraufhin meine Manieren aufs Gröbste.

Mittlerweile gut in Fahrt und für die Umgebung einer Kinovorführung unbestritten zu laut, sagte er vom Kulturattest, dass es ebensolche Kriterien, wie den gesitteten Umgang untereinander bewerte. Er fügte an, dass ich wohl verschwindend geringe Chancen hätte, mit meinem rücksichtslosen Benehmen die Anforderungen für das Attest zu erfüllen. Ich würde höchstwahrscheinlich noch nicht einmal zugelassen, zu aspirieren. Mit dem Zucken meiner Schultern liess ich ihn wissen, dass mir nichts daran gelegen sei, dafür zu aspirieren.

Ob ich denn nicht verstehe, fragte er fassungslos. Es sei doch selbstverständlich, dass es das Ansinnen jedes fortschrittlichen und liberalen Individuums der heutigen Zeit sein müsse, in diesem Rahmen attestiert und ausgezeichnet zu sein. Die Sorglosen und Rückständigen erwiesen sich selbst keinen Gefallen, mit ihrem verachtenden Glauben an eine stille Übereinkunft. Denn das Gefüge, welches sich schlussendlich ergeben solle, dulde kein Wuchern und Ausscheren. Dafür und aus weiteren Gründen, welcher ich mich nicht mehr zu entsinnen vermag, brauche es verantwortliche Menschen, welche ihrer Vorstellung von Kultur und Zusammengehörigkeit Ausdruck verliehen. Ein Völklein, das an einem Punkt in seiner Entwicklung angelangt sei, an welchem es mit der Vielfalt kultureller Ausprägungen nicht einfach ungeplant weiter verfahren könne, wie ehemals, täte gut daran, sich vorzusehen. So wie die Sache liege, sei es doch sehr zu begrüssen, werde hier von höchster Stelle der Befehl an mündige Bürger erteilt, sich zu organisieren. Es könne keine höhere Berufung geben, als dem Zusammensein hier in diesem Staate einen solchen Dienst zu erweisen.

Unter meinem Hut begann ich mich nun sehr zu ärgern. Meine Scheinschlafstrategie gab ich kurzerhand auf und fragte mich, wozu ein derartiger Informant gut sei. Einer, der sich so ereifert – und sich ergeht in anstössiger Phantasterei – kann zu nichts Nutze sein.

Der Informant schien mein Schnauben unter dem Hut zu vernehmen und sah sich zu weiteren Ausschweifungen veranlasst. Durch eine wohlgeplante Entwicklung der Kultur, könne sie ihrer gefährlichen Spitzen beraubt werden, fügte er an. Denn handle es sich nicht ausnahmslos um die Zuspitzungen, - die unbändigsten Auswüchse von Kultur, welche die Gemeinschaftsgefühle zu unterwandern vermögen? Entzündet sich der Kampf um Kultur nicht immer an ihrer kompromisslosesten Ausgestaltung?

Mit viel Pathos und affektierten Pausen stellte er diese Fragen, wie an eine imaginäre Richtinstanz. Ich hoffte kurz, dass eben jene imaginäre Instanz, Kraft seiner Phantasie, seinen Ausführungen Einhalt gebieten möge. Nichts dergleichen geschah. Stattdessen lehnte sich der Informant zurück, nahm eine denkerische Pose ein und war im Begriff, mit dem Zeigefinger am rechten Wangenknochen und den Blick schräg aufwärts über seinen Kragen gerichtet, von neuen Absonderlichkeiten zu berichten.

Ich sah meine Zeit gekommen, schwang meinen Mantel über den Unterarm und verliess das Kino grusslos und mit demonstrativ angewidertem Gesichtsausdruck. Der Informant verstummte. Bis zum Ausgang fühlte ich seinen Blick auf mir haften. Als ich die Türe zum Saal schliessen wollte, fiel ein Schimmer des projizierten Filmes auf sein mir noch immer zugewandtes Gesicht. Der Informant sah mich mit zusammengekniffenen Augen an und wandte sich, als er sich meines Blickes sicher war, wieder der Leinwand zu.

Es waren alle Zweifel auszuräumen, das Konstrukt des Informanten entspreche in irgendeiner Form der Wahrheit. Die Leitkultur mit Bürgerbeteiligung blieb ein beunruhigendes Gespinst und ich ertappte mich dabei, wie ich mit hochgeschlagenem Mantelkragen durch die Gassen huschte, überall hin konspirativ spähend, bereit seine Zeichen zu deuten.

12.09.2010

Administrativ (unter)versorgt

Angesichts dieser Schlagzeilen, rund um die willkürliche Isolation von auffällig gewordenen Personen von 1942 bis 1981, stellt sich mir immer dringlicher eine Frage: was passiert mit Menschen, die - zu Recht oder Unrecht - ihr Vertrauen in den Staat verlieren?
Opfer werden zu Tätern - werden zu Opfern. Höchst subtile Vorgänge, deren Dynamik selten mehr zu durchbrechen ist, treten an die Stelle eines Gefühls des Behütet-Seins. Jede Person darf in einem Rechtsstaat darauf zählen, seine oder ihre Unversehrtheit und - darüber hinaus - den Schutz individueller Interessen gewahrt zu sehen. Wird diese Erwartung mehrfach oder in besonders kruder Weise enttäuscht, hat das Individuum mit groben Interferenzen in seiner Wahrnehmung der Obrigkeit zu kämpfen. Ein Paradoxon tritt zu Tage: gerade weil Demokratie und Rechtmässigkeit hierzulande als gefestigt und beispielhaft gelobt werden, kann mit dem Unverständnis, gleich etwa demjenigen, welches die zurückweisende Mutter bei einem Säugling hinterlässt, nur schwer umgegangen werden. Man hält derartige Zustände gemeinhin für nicht möglich, - und erfährt sie ungeachtet dessen am eigenen Leibe.
Dieses Unverständnis einer missachteten Pflicht gegenüber kann weder in der subjektiven Empfindung der Betroffenen, noch im gesellschaftlichen Kontext geheilt werden. Das Urteil des Nicht-Passens haftet ihnen an, in der eigenen und in der Fremdwahrnehmung.

Ich finde es erstaunlich, welchen Einfluss die staatliche Fürsorge auf unser Wohl ausüben kann. Wir scheinen darin nicht nur etwas Grundlegendes zu finden, was unwiederbringlich an unser Empfinden als Teil der Gemeinschaft gebunden ist. Sondern eine übergeordnete raison d'être. Nur in diesem Sinn lassen sich meiner Einschätzung nach Taten, wie aktuell diejenige in Biel erklären.

Im Fall der Administrativ-Versorgten von Hindelbank stellte es für die Betroffenen ein kaum zu bewältigender Kraftakt dar, jemals wieder in ein geordnetes Leben zurückzufinden. Die meisten sind daran zerbrochen, wie die Schicksalsberichte auf der Seite http://www.administrativ-versorgte.ch/ zeigen.
Die längst fällige Entschuldigung an die Betroffenen lässt an eine gute Regierungsführung im Sinn eines lernenden Staates glauben. Zugleich sollte man sich aber gewiss sein, dass gerade dieser Glaube in gewissen Fällen alles empfundene Unrecht umso schlimmer macht.

08.09.2010

ideas worth spreading

da scheint die entwicklungshilfe nach hause zurückzukehren, wo sie in vielen fällen tatsächlich hingehört. soziale innovation wird uns helfen, die ungesunden auswüchse unserer marktwirtschaft zu tilgen. progressives denken in diesen sphären wird zum standard erklärt, in der federlande.